Suche
Suche Menü

Martin Balluch: Im Untergrund

Der Tierethiker und Aktivist Martin Balluch hat ein neues Buch geschrieben. In seinem Roman „Im Untergrund“ erzählt er die spannende Geschichte eines jungen Wissenschaftlers und Tierrechtsaktivisten, die sich im Großbritannien der späten 80er Jahre entwickelt und die stark autobiografisch gefärbt ist. Anlässlich der Buchpräsentation am 16. Februar 2019 stellen wir das Buch vor.

Dieses Buch ist nichts für schwache Nerven. Was der anfangs noch unbedarfte Romanheld aus dem beschaulichen Wien erlebt, wenn er mit seinen neuen Freundinnen und Freunden in die Tierversuchslabors seiner Cambridger Wahlheimat eindringt oder Schweinezuchtbetriebe Südenglands besucht, wenn er die Grausamkeit der Fuchsjagd hautnah erlebt, die sich nicht nur gegen Füchse, sondern auch gegen die TierschützerInnen richtet und bis zu deren Tod führen können – das überschreitet mehrfach das Maß dessen, was man als LeserIn meint ertragen zu können. Und doch ist es nichts Anderes als das, was Millionen von Tieren nicht nur im England der 80er Jahre, sondern überall in unserer sogenannten zivilisierten Welt der westlichen Industrienationen Tag für Tag, Monat für Monat und Moment für Moment erleben.

In denselben Jahren, in der der Romanheld das Tierleid in Südengland hautnah erlebte, wurde das Ausmaß, das Elend und auch die Sinnlosigkeit von Tierversuchen in Deutschland erstmals bekannt. Zu verdanken war dies im wesentlichen Horst Stern, dem unermüdlichen Mahner gegen den Missbrauch der Tiere. Ob Sterns Wirkung zu sehr auf Deutschland beschränkt war, als dass der Romanheld, der sich auch vor seinen Erfahrungen in England als umweltbewusst beschrieb, von Horst Sterns Arbeiten schon in Österreich hätte erfahren können, was er in England schließlich hautnah erlebte? Gleichviel, die Beschreibungen dessen, was der im Roman Paul genannte Held erfährt, lassen weder an Drastik noch an Aktualität zu wünschen übrig.

Doch von Anfang an. Der Romanheld Paul, in dem man unschwer Martin Balluch erkennt, kommt Ende der 80er Jahre als Doktorand nach Cambridge. Sein künftiger Arbeitsplatz ist das Institut Stephen Hawkings. Den unbändigen Stolz darauf, Kollege Hawkings gewesen zu sein, in dessen Dunstkreis gearbeitet zu haben und sich sogar dessen rühmen zu dürfen, dass der berühmte Physiker sich persönlich für den jungen Österreicher und gegen seine Ausweisung eingesetzt hat, diesen Stolz merkt man nicht nur öfter dem Autor in persona, sondern auch seinem literarischen Alter ego an. Tierschützer ist der junge Physiker dabei nicht von Anfang an. Nur um Kontakte zu knüpfen, besucht er Veranstaltungen von Tierrechtlern und Tierschützern, lernt den Unterschied zwischen beiden kennen, und kommt erst langsam ins Nachdenken darüber, ob es vielleicht kritikwürdig sein könnte, weiterhin Fleisch zu essen. Vom Veganismus ist der junge Wissenschaftler dabei noch weit entfernt.

Was soll nun daran so interessant, unterhaltsam oder lehrreich sein, von allen Arten der Tierausbeutung zu lesen, mit denen Paul alias Martin Balluch von seinen neuen FreundInnen Schritt für Schritt bekannt gemacht wird, vor allem wenn es diese Grausamkeiten, ob Massentierhaltung, Tiertransporte, Tierversuche oder anderes, genauso auch heute noch gibt?

Die britische Tierrechtsszene, wie Paul sie im Cambridge der 80er kennenlernt, ist von der heutigen Tierrechtsszene im deutschsprachigen oder überhaupt kontinentaleuropäischen Raum sehr verschieden. Sie ist anti-akademisch; Paul als Universitätsangehöriger ist eher eine Ausnahmeerscheinung. Tatsächlich ist der Kontrast zwischen TierausbeuterInnen und TierrechtlerInnen in Großbritannien vor allem ein Klassenkampf. Das zeigt sich nirgendwo deutlicher als bei der Jagd zu Pferd, die meistens von Adligen oder Großgrundbesitzern ausgeübt wird, während Jagdstörungen meistens von Personen ausgehen, die ihrem Selbstverständnis nach Angehörige der englischen Arbeiterklasse sind. Das britische Establishment geht dabei mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und oft auch großer Brutalität gegen die Jagdsaboteure vor, einer Brutalität, die auch den Tod der Saboteure zumindest billigend in Kauf nimmt – und sich dabei so gut wie sicher sein kann, auch vor Gericht und in den Medien mit der eigenen Darstellung der Ereignisse straflos durchzukommen. So schockierend sich das liest, schildert der Autor doch damit nichts als historische Ereignisse, reale, historische Todesfälle durch brutale Gewalt, die die britische Tierrechtsszene erschütterten, die im Gedächtnis der britischen Öffentlichkeit jedoch kaum Spuren hinterließen.

Wie konnte es dazu kommen? Der Autor schildert beispielhaft die Szene einer Blockade von Tiertransportern, bei der er und andere sich angekettet hatten. Nach der Entfernung der protestierenden Anwohner und der meisten anderen Blockierenden geht die Polizei gegen die restlichen Blockierer, darunter den Erzähler, mit einer nicht anders als sadistisch zu nennenden Brutalität vor. Es gibt keine Zuschauer mehr, keine Öffentlichkeit, keine Medien. Wenn Medien überhaupt berichten, dann stets so einseitig auf Seiten der Tierausbeutung, dass die Seite der TierrechtlerInnen grundsätzlich zu kurz kommt und ihr Handeln unverständlich scheint. Sie sind und bleiben der Öffentlichkeit, oder vielmehr der Mehrheitsgesellschaft, entfremdet und werden dadurch für die Tierausbeuter und Tierausbeuterinnen Freiwild, für das es keine Gerechtigkeit gibt – so wenig wie für die Tiere. So können die Jäger sogar eine Wildtierauffangstation zerstören und die Tiere dort töten, etwas, das bei uns (hoffentlich!) unvorstellbar ist.

Das Verhältnis zur Öffentlichkeit als Schlüssel für den Erfolg von Tierrechtsarbeit, aber auch das langfristige Überleben der TierrechtlerInnen, ist eine Lehre, die der Autor aus seinem Aufenthalt in England zog. Sie ist es auch, die letzten Endes dafür sorgte, dass in dem bekannten Tierrechtsprozess in Österreich Jahrzehnte später die Protagonisten stets für eine kritische Öffentlichkeit sorgten, eine Öffentlichkeit, die sich zusammen mit immer mehr Medien je länger desto stärker auf die Seite der angeklagten TierrechtlerInnen und zusehends weniger auf die Seite der Staatsmacht und der diese antreibenden Wirtschaftsinteressen stellte. Auch solche ÖsterreicherInnen, die ansonsten nicht mit den Zielen der Tierrechtsbewegung sympathisierten, fanden immer öfter, dass das Vorgehen der Staatsmacht gegen die TierrechtlerInnen unrecht oder zumindest unverhältnismäßig sei. Unter der Beobachtung einer ganzen Nation kann kein Polizist eines demokratischen Landes damit rechnen, straffrei davonzukommen, wenn er einem Tierrechtler den Arm bricht, so wie es dem jungen Martin Balluch aka Paul bei der Blockade der Kälbertransporte in England erging. Noch weniger kann man TierrechtlerInnen in U-Haft versauern lassen, wenn jeden Tag mehr UnterstützerInnen vor dem Gefängnis versammelt sind. Die Lehren in puncto Öffentlichkeit, die „Paul“ in England erlebt, sind es, die ähnliche Erfahrungen Jahrzehnte später in Österreich verhindern und zum, man muss es neidvoll gestehen, beispiellosen Erfolg der österreichischen Tierrechtsszene in den vergangenen beiden Jahrzehnten beitragen.

Was wurde nun aus Paul? Oder: wie wurde aus dem jungen, aufstrebenden Wissenschaftler Paul der strubbelbärtige Veteran der Tierrechtsszene, als den wir Martin Balluch heute kennen? – Zurück zur Geschichte:

Dank seiner intensiven Beschäftigung mit Tierrechten, ja allein schon durch seinen Veganismus – natürlich ist er mittlerweile Veganer geworden – findet sich Paul in immer größerem Gegensatz zu seinen Kollegen (es scheinen tatsächlich nur Männer) an der Universität, von denen einige selbst Tierversuche durchführen, die Paul ebenso sinnlos wie grauenhaft erscheinen. Doch keiner der Kollegen stellt diese Tierversuche je in Frage, ebenso wenig wie auch nur einer von ihnen Pauls Entsetzen angesichts des Leidens der Tiere nachempfinden kann. Überhaupt wird Paul immer deutlicher, dass er sich für sein Leben, für seine Zukunft wird entscheiden müssen, für Tierrechte oder Wissenschaft, denn zumindest in seinem Fach, zumindest zu dieser Zeit, als Paul vor dieser Entscheidung stand, war beides noch unvereinbar. Und Paul aka Martin Balluch lässt sein Herz sprechen und entscheidet sich, sein Leben dem Kampf für Tierrechte zu widmen – von England zurück nach Österreich und inzwischen weit darüber hinaus. Apropos Herz: es fehlt nicht an einer zarten Liebesgeschichte mit einer Tierrechtlerin, die der Autor Martina nennt und die damit nicht nur als Seelenverwandte und inzwischen jahrzehntelange Mitstreiterin nicht nur seines Protagonisten Paul, sondern auch als seine eigene Herzensfreundin zu erkennen ist.

Und der Rest ist Geschichte. Come and see – am 16. Februar in Berlin.

Martin Balluch: Im Untergrund. Promedia-Verlag, Wien 2018, Euro 19,90

von jew