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Interview mit der bio-veganen Solawi plantAge

PlantAge steht für Gemüse und Obst aus bio-veganem Anbau, also Anbau nach biologischen Kriterien und ohne tierische Düngemittel wie Horn- oder Blutmehl und Mist. Die Lebensmittel werden im Berliner Umland nach solidarischen Grundsätzen angebaut und nach Berlin geliefert. Hier können sie von verschiedenen Orten bezogen werden. Wie das alles genau funktioniert und wie ihr an das Essen kommt, erklären Freddy und Judith im Interview.

Ich denke, wir sollten zuerst ein paar Begriffe klären. Ihr schreibt, dass ihr Gemüse bio-vegan anbauen wollt. Was heißt „bio-vegan“?

Bio-veganer Anbau bedeutet, dass wir die Richtlinien des biologischen Landbaus umsetzen und noch einen Schritt weiter gehen: Aus ethischen und auch ökologischen Gründen verzichten wir bewusst auf die Verwendung von tierischen Düngern. In der konventionellen und biologischen Landwirtschaft werden Mist, Hornmehl und sogar Schlachtabfälle verwendet, um Pflanzen zu düngen. Menschen, die sich vegan ernähren, kennen sicher die Frage „Wo bekommst du dann eigentlich deine Nährstoffe her?“. Wir wissen: Proteine und was wir sonst so zum Leben brauchen, gibt es nicht nur in tierischen Produkten, sondern auch pflanzlich. Bei der Ernährung der Pflanzen ist das nicht anders. Wir sparen uns also den Umweg durch das Tier und bringen die Energie direkt von der Pflanze zur Pflanze. Dafür verwenden wir Kompost oder Mulch. Auch Gründüngung und Fruchtfolgen sind wichtige und natürliche Wege, den Pflanzen alles zu geben, was sie zum Wachstum brauchen.

Wir halten also keine „Nutztiere“, dennoch möchten wir einen Lebensraum für Tiere schaffen. Sehr willkommen sind natürlich Regenwürmer, Bienen und Co., denn diese Tiere und die ganz ganz kleinen im Boden sind unheimlich wichtig für den Aufbau und den Erhalt des Bodens und des gesamten Ökosystems auf unserem Acker.

Mulch, Gründüngung – das sind Begriffe, die viele von uns noch nicht gehört haben. Genauso wie das Wort „Solawi“. Was bedeutet das?

Mulch und Gründüngung sind natürliche Methoden, um die Bodenfruchtbarkeit zu verbessern. Beim Mulchen wird der Boden um die angebauten Pflanzen herum durch grobes Pflanzenmaterial bedeckt, zum Beispiel durch Stroh. Es schützt vor Verdunstung und gibt beim Zerfall der Pflanzenteile Nährstoffe frei. Das ist besonders sinnvoll in sehr trockenen Sommern oder beim Anbau von Kulturen, die einen hohen Nährstoffbedarf haben, wie Kürbis oder Tomate.

Gründüngung bezeichnet den Anbau von Pflanzen, die nicht zwangsweise zum Verzehr genutzt werden, sondern die Aufgabe haben, dem Boden Nährstoffe zu geben. Gerne werden dabei sogenannte Leguminosen (z.B. Hülsenfrüchte) verwendet, die Stickstoff aus der Luft im Boden binden können. Dies tun sie durch eine Symbiose mit Pilzen, die kleine Knöllchen an ihren Wurzeln bilden. Beim Mähen der Pflanze wird der Stickstoff im Boden für andere Pflanzen verfügbar. Gründüngung muss aber nicht aus solchen Stickstoffbindern bestehen. Wir werden Winterroggen auf unserem Acker verwenden, um den Boden im Winter zu schützen. Die Wurzelknöllchen kommen bei gefrorenem Boden nämlich an ihre Grenzen.

Solawi ist die Abkürzung für solidarische Landwirtschaft. Dabei gehen Verbraucher_innen und Produzent_innen eine direkte Verbindung ein und profitieren davon gegenseitig. Ich gehe dann also nicht mehr im Supermarkt einkaufen und weiß nicht, wo und wie mein Gemüse angebaut und produziert wurde, sondern erhalte jede Woche eine Kiste mit frischem Gemüse von meiner Gärtnerei in der Region. In einer solidarischen Landwirtschaft habe ich Transparenz, kann einen Anbau nach meinen Werten unterstützen und sogar selbst mit anpacken. Durch meine Verpflichtung, ein Jahr lang das Gemüse abzunehmen und die Produktion zu finanzieren, hat der/die Landwirt_in Planungssicherheit und weiß, dass auch bei einem schlechten Jahr die Existenz des Hofes nicht gefährdet ist. So haben auch kleinere Betriebe eine Chance gegen den Druck des Weltmarktes. Das Schöne ist auch die starke Gemeinschaft von Konsument_innen und Produzent_innen, die durch Aktionen und Veranstaltungen, wie Hoffeste oder gemeinsames Einmachen, gestärkt werden.

Verstehe. Wo baut ihr euer Gemüse an und wie kommt es von dort in die Mägen?

Nach langer Suche haben wir Flächen bei Frankfurt (Oder) in Markendorf gefunden, wo wir unsere Idee verwirklichen können. Hier können wir von einer Obstbau-Genossenschaft 6,5 Hektar Ackerland pachten und langfristig sogar kaufen. Neben dem Acker stehen uns bereits vorhandene Traubenreben, Apfel- und Birnbäume zur Verfügung, um die Gemüsekiste mit Obst zu bereichern. Dabei ist unser zukünftiges Gemüsefeld umrandet von Wald, gelegen in einer schönen hügeligen Landschaft. Und das Allerbeste: Es ist mit den Öffentlichen in nur eineinhalb Stunden von Berlin zu erreichen und mit dem Auto in einer Stunde. Das war uns bei der Auswahl des Ackers ein großes Anliegen, damit alle Mitglieder immer die Möglichkeit haben vorbei zu schauen, wenn sie möchten.

Von hier werden Gemüse und Obst dann ab Mai 2019 an unsere Verteilstationen in Berlin und Brandenburg geliefert, wo unsere Mitglieder ihre Gemüsekisten jede Woche abholen können, für nur 79€ im Monat. Wir haben schon einige Partner_innen als Verteilstation gewinnen können, wie das Lück’s, die Neue Republik Reger, das Café Kuddelmuddel, das Ataya Caffe, Fuxx & Bär und den Naturalia Biomarkt in Frankfurt (Oder). Um unser Netzwerk zu erweitern und es den Mitgliedern so bequem wie möglich zu machen, suchen wir nach weiteren Stationen, zum Beispiel in Lichtenberg und Neukölln. Sollte also bei euch in der Nähe noch etwas fehlen, sprecht uns gerne an und empfehlt uns eure Lieblingslocations weiter.

Das heißt, ab Mai gibt es regionales Gemüse und Obst. Ich habe auf eurer Website aber auch gelesen, dass es außerdem Brot, Nudeln und Pflanzenmilch geben soll. Wer stellt das wo her?

Unsere Vision ist es, eine Vollversorgung ohne Sorgen aufzubauen. Das heißt, dass man auch weitere Produkte neben Obst und Gemüse in der wöchentlichen Kiste erhalten kann und sich keine Gedanken um negative Auswirkungen in Produktion und Anbau mehr machen muss. Dafür werden wir mit Betrieben in und um Berlin kooperieren. Wichtig ist uns dabei natürlich bio-veganer Anbau und Produktion und die Regionalität. Gerne möchten wir auch kleine oder junge Betriebe unterstützen. Unser Freund Daniel Hausmann aus Leipzig, der bereits seit vielen Jahren bio-vegan anbaut, ist ein gutes Beispiel. Er plant, aus seinem Dinkel Nudeln herstellen zu lassen. Diese wären wunderbar in unserer Kiste integrierbar.

Im Juni habt ihr den Publikumspreis 2018 des Next Organic Award gewonnen, mit weit über 2000 Stimmen und mit einem Vorsprung von 500 Stimmen vor den Zweitplatzierten. Respekt! Was hat euch das bedeutet?

Zuerst einmal haben wir gar nicht richtig gecheckt, was das eigentlich bedeutet und dass es tatsächlich ein besonderes Ergebnis war. Wir können es uns nur über das großartige Engagement der veganen Szene erklären. Ohne die Unterstützung der Community wäre das nicht möglich gewesen. Es ist total motivierend, durch diese vielen Stimmen zu sehen, dass so ein großer Zuspruch für unser Projekt besteht und wir Menschen bewegen können. Wir hoffen, auch für unser Crowdfunding viel Unterstützung zu erhalten und bis Februar genügend Mitglieder – mindestens 75 – zu gewinnen, um mit dem Projekt wie geplant starten zu können.

Mit dem Award haben wir keinen Geldpreis oder ähnliches gewonnen, aber wir konnten unsere Reichweite erhöhen und unser Netzwerk erweitern. Wir erhalten außerdem Begleitung und Beratung unseres Projektes – das ist schon sehr viel wert.

Ihr habt gerade zum Verein „plantAge – der Verein“ noch die „GemüseGenossenschaft plantAge“ gegründet. Wie hängen die beiden zusammen und was war der Grund dafür?

Für unsere solidarische Landwirtschaft haben wir die Genossenschaft als Rechtsform gewählt. Sie gibt die Möglichkeit, dass wir uns als Gemeinschaft verbinden können und mit individuell kleinen Beiträgen etwas Großes bewirken können. Mit einer Einlage von 150€ pro Anteil kann man Genoss_in von plantAge werden. Damit hat man nicht nur die Aussicht auf eine Gemüsekiste ab Mai 2019, sondern wird gleichzeitig Mit-Eigentümer_in des Betriebes.

Den Verein haben wir bereits im März gegründet, mit der Absicht, als gemeinnütziger Verein die Solawi zu organisieren. Schnell haben wir gelernt, dass das nicht möglich ist, denn solidarisch hin oder her, eine Solawi bleibt ein wirtschaftlicher Betrieb, und dafür ist ein Verein nicht die richtige Rechtsform. Ein gemeinnütziger Verein birgt dennoch viele Vorteile, denn wir können Fördergelder und Spenden für Projekte zu bio-veganem Anbau annehmen und damit zum Beispiel unseren Stadtgarten in Neukölln betreiben. Der Verein verfolgt also Zwecke, die der Allgemeinheit dienen. So organisieren wir regelmäßig Veranstaltungen wie Vorträge zu bio-veganem Anbau oder Filmabende, die nicht nur von Mitgliedern, sondern von allen Interessierten genutzt werden können. Fördermitglied im Verein kann man übrigens mit einem Beitrag von mindestens 1€ im Monat werden.

Daraus folgt, dass Verein und Genossenschaft zwei formal voneinander getrennte Rechtsformen sind, die zwar das gleiche Ziel verfolgen – die Förderung bio-veganer Landwirtschaft – jedoch ganz unterschiedliche Herangehensweisen haben.

Ihr habt schon euer Crowdfunding erwähnt. Wo steht ihr gerade und was sind eure Pläne?

Im letzten Jahr, besonders in den vergangenen Monaten, haben wir eine großartige Entwicklung gemacht. Wir haben eine stehende Rechtsform, ein Betriebskonto, einen tollen Acker für unser Projekt, erste Verteilstationen in Berlin und Frankfurt, ein Team aus Gärtner_innen, die es kaum abwarten können, und schon viele realistische Ideen, die wir im kommenden Jahr umsetzen möchten. Was jetzt tatsächlich noch fehlt, sind genügend Abnehmer_innen der Gemüsekisten und das nötige Geld. Daher haben wir bis zum Jahresende eine Reihe von Informationsveranstaltungen geplant und sind auf diversen Märkten vertreten, wie dem Heldenmarkt und dem Green Market. So möchten wir mehr Menschen erreichen und auch persönlich kennenlernen. Unser Crowdfunding soll uns erste Investitionen wie ermöglichen. Dazu gehören die Pacht, die schon erwähnte Gründüngung und die Vorbestellung von Jungpflanzen und Saatgut.

Dabei wünschen wir euch viel Erfolg!

Zur Webseite der GemüseGenossenschaft plantAge.

Übersicht der Verteilstationen, an denen die Ernte abgeholt werden kann.

Zur Webseite vom Verein plantAge.