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In 16 Tagen zum Jagdschein – Lassen Sie mich durch, ich bin Mörder!

„Was haben Sie hier zu suchen, wenn Sie sowieso etwas gegen die Jagd haben?“ Die Frage zu beantworten wäre uns während dieses langen Nachmittags auch nicht immer leichtgefallen.

Einige Aktivist_innen in mehr oder weniger gelungener Tarnung als brave Bürger besuchten am letzten Septemberwochenende die Jagdmesse auf Schloss Liebenberg und rückten den Jäger_innen im wahrsten Sinn des Wortes auf den (Tier-)pelz – ein in der Tat grausiges Vorhaben.

Vorab: die Messe war gut besucht, sehr gut sogar. Und nicht nur die meisten Aussteller waren selbst Jäger_innen, auch die Besucher_innen schienen mindestens ihrem weidmännischen oder –weibischen Outfit und ihren vierbeinigen Begleitern zufolge, die meist an einem Würgehalsband hechelten und betont „souverän“ gezogen wurden, durchaus nicht nur in der Theorie zur Jägerszunft zu gehören. Aus verschiedenen Indizien war klar, dass es dazu vor allem des nötigen Kleingelds bedarf: die ausgestellten Waffen, von denen ich noch nie so viele und verschiedene an einem Ort sah, kosteten gut und gerne höhere vierstellige Beträge. Auch viele Besucher_innen sahen so aus, als wären sie gerade mal von ihrem Schloss herabgestiegen, um ihre Untertanen zu verteidigen, Pelzkragen und Feldstiefel inklusive. Den meisten davon würde ich allerdings nicht gerne in einem dunklen Park begegnen – egal ob als Reh oder als Menschenkind. Speaking of: wir fanden es schockierend, wie ungeniert bereits der Nachwuchs an das blutige Handwerk herangeführt wird – vom Plüscheber über die abgeschnittenen Tierpfoten, die Kinder in die Hand nehmen konnten, um daran Spuren im Sand zu machen, bis hin zu Hundehalsbändern und „niedlichen“ Kleinwaffen.

In 16 Tagen zum Jagdschein

In einem großem Zelt gab sich die Crème der deutschen Wirtschaft ein Stelldichein: Zielfernrohre und Präzisionswaffen aller Hersteller, auch solcher, die wir vor allem für weniger mörderische Zwecke kennen. Nicht nur Schusswaffen waren im Angebot, auch Messer, Äxte und Spezialwerkzeuge wie „Aufbrech-und Zerwirkmesser“ und tatsächlich ganze mobile Metzgereien inkl. Gewürzset, mit denen der glückliche Jäger sein Opfer gleich an Ort und Stelle fachgerecht zu Hackfleisch machen kann. Dazu Schusswaffen, Schusswaffen, Schusswaffen … Nicht nur zum Ansehen und Kaufen, nein, so hätte jedermann oder sogar ich gleich dort an Ort und Stelle unter Aufsicht zum Wettschießen mit scharfer Munition loslegen können und dabei am Ende so manchen Treffer landen. Wir wurden sogar freundlichst dazu aufgefordert! Die im Fall der Fälle gewonnene Nobelwaffe hätte ich allerdings erst nach Erlangen des Jagdscheins glücklich mit nach Hause nehmen können.

Und auch daran hätte es nicht gefehlt: So verspricht beispielsweise die Rügener Jagdschule einen wunderbaren Familienurlaub – und an dessen Ende den Jagdschein binnen 16 Tagen! Für Manager sogar im Einzel- oder Zweierkurs.

Lassen Sie mich durch, ich bin Mörder!

Die Aussteller_innen, von denen nach eigenem Bekunden fast alle selbst Jäger_innen waren, gaben bereitwillig Auskunft. Ich erfuhr beispielsweise, warum es Sinn mache, gerade auch für einen Polizisten oder Soldaten, den Jagdschein zu erwerben und nicht „nur“ Sportschütze zu werden. Denn der Jäger dürfe – anders als Soldat, Polizist oder Sportschütze – beliebig viele und verschiedene Waffen besitzen, die er auch mitführen könne, ja sogar solle, meinten die Jäger. Das gilt nicht nur für Schusswaffen, sondern auch für Messer. Dort gab es Exemplare zu kaufen, die Räuber Hotzenplotz vor Neid erblassen ließen. Und während Otto Normalverbraucher kein Messer mitführen darf, dessen Klingenlänge 11 cm übersteigt oder das gar einklappbar ist – in gewisser Weise mache ich mich fast strafbar, wenn ich mit dem neuen Küchenmesser, das bei mir allenfalls Ananas und Kürbisse spalten wird, vom Laden nach Hause gehe, sofern die Klingenlänge elf cm übersteigt – ist es nach Meinung der Jäger sogar die Pflicht des Jägers, immer entsprechendes Gerät mitzuführen; es könnte doch einmal sein, dass der Jäger beim Nachhause fahren zu einem Unfall kommt, bei dem ein Reh zu Schaden gekommen ist, und wer, wenn nicht der Jäger, hätte dann die Pflicht, es sachgerecht von seinem Leiden zu erlösen? Lassen Sie mich durch, ich bin Mörder!

Nur ein toter Wolf ist ein guter Wolf

In diesem Tonfall ging es weiter. Besonders entsetzt waren örtliche Aktivist_innen von der Präsentation einiger armer Greifvögel, mit denen Kindern und Jugendlichen die Natur nahegebracht werden soll. Sehr nah übrigens. Gegen eine „Spende“ von 5 Euro durfte wer wollte einen Falken auf seiner Faust halten, natürlich lederverstärkt, während der Falke mit einer Leine in der Hand seiner Wärterin gesichert war und seine Leidensgenossen – einheimische und exotische Greifvögel bis hin zum Adler – jeder an einem kurzen Seil („… das ist doch keine Kette!“) festgebunden waren, in kurzer Distanz voneinander und von den Besuchern. Einige zerrten an ihren Fesseln, andere saßen apathisch wirkend auf verkoteten Baumscheiben. Alle Vögel seien Nachzuchten aus anderen Falknereien, die zu Flugschauen genutzt und mit Eintagsküken ernährt werden. Dass es den Vögeln gut gehe, zeige schon die Tatsache, dass sie nach ihren Freiflügen regelmäßig freiwillig in die Gefangenschaft (nachts in einer Voliere, tags an einer Fessel) zurückkehrten. Dass man dabei auch nachtaktive Tiere zu tagaktiven mache, bedeute nichts, die Tiere seien von klein auf daran gewöhnt. Ihre Arbeit definiert die Jägerin, die die Greifvögel hält, als Beitrag zum Lernort Natur, der Kindern Tiere und Natur nahebringe. Was uns daran nicht gefiele? Man trage doch zum Erhalt der Tiere und Tierarten bei, genau wie Zoos und Tierparks! Der Mensch habe eben die Aufgabe, die Natur zu hegen und zu kontrollieren, und vor allem der Jäger.

Geht es dabei nicht vor allem um die Lust am Töten und Trophäen? Aber nein, wo denken wir hin! In einer Kulturlandschaft, für die Wolf und Bär nicht mehr kompatibel sind und darum bejagt werden müssen, habe der Jäger die Aufgabe Bestände zu kontrollieren und alte und kranke Tiere zu schießen. – Davon abgesehen, dass all die Trophäen, die ich gerade im Messezelt gesehen hatte, nicht nach alten und kranken Tieren aussah, fragte ich, warum sie so überzeugt sei, dass das Abschießen von kranken und alten Tieren überhaupt nötig sei, auch ohne Wolf und Bär? Das tue man um einer Art pseudonatürlicher Selektion willen, damit nur die stärksten Tiere zur Fortpflanzung gelangten: „Sie würden sich doch auch nicht mit einem 60-Jährigen paaren, damit der seine Gene an Sie weitergibt!“

Warum erschießen Sie nicht Ihren Opa?

Und es sei doch auch viel humaner, alte und kranke Tiere von ihrem Leiden zu erlösen, als sie sich dahinschleppen zu lassen. Auf meine Gegenfrage „Und würden Sie Ihren Opa auch erschießen, nur weil er blind und gehbehindert ist?“ bekam ich irgendwie keine rechte Antwort. Also die Jäger_innen schießen in Wirklichkeit gar nicht gern- ! … sondern voller Pflichtbewusstsein und Mitleid erlegen sie kranke und alte Tiere, um den Bestand gesund zu erhalten und Tiere nicht unnötig leiden zu lassen! Soviel Jägerlatein passt in keine Grammatik. Spätestens nach meiner Frage nach dem zu erschießenden Opa wurde den Jäger_innen am Greifvogelstand klar, dass sie es nicht mit einer potentiellen Kundin ihres ausbeuterischen Geschäfts zu tun hatten und ich mir Natur, in der ich etwas lernen will, sicher nicht von Jägern zeigen lassen würde, und sie ersuchten mich mit einem gewissen Mangel an Freundlichkeit mich zu verabschieden. Man gab mir noch mit, ich werde ja sehen, wie sich die Dinge in zehn Jahre entwickelt hätten, wenn aus jagdfrei gestellten Gebieten Tollwut und andere Krankheiten in die Städte überschwappten, zusammen mit den räudigen Füchsen und hungrigen Wölfen, die in den jagdfrei gestellten Gebieten das Wild dezimiert hätten und nun die Lämmer und Kinder der Menschen schlagen würden – dann werde man sich die Jäger in die jagdfrei gestellten Gebiete zurücksehnen. Nun, nachdem das Durchschnittsalter der deutschen Jäger bei 59 liegt, Tendenz steigend, wird sich wohl das Problem der Jäger vielleicht sogar von selbst erledigen. Nach dieser Bemerkung war mein Abgang nun sehr dringend erwünscht … Was ich natürlich gern tat, so Leid mir auch die Vögel taten, denen wir nicht helfen konnten.

Heute ist nicht alle Tage … zum Glück

Denn spätestens hier hatte die Atmosphäre etwas für uns durchaus Bedrohliches. Waren zuvor die Jäger_innen, an deren Messestand ich mich nach Preisen und Erwerbsbedingungen für Schusswaffen erkundigt hatte, deren Hunde wir bewundert hatten oder der Angebote, ihre ausgestopften Tiere und Tierpfoten anzufassen, wir freundlich abgelehnt hatten, von einer komplizenhaften Freundlichkeit, die an eine verschworene, nach Außen abgegrenzte Gemeinschaft erinnerte, so schlug dieser werbend-verschwörerische Tonfall sofort in Feindseligkeit und Abwehr um, sobald erkannt wurde, dass es sich bei uns nicht etwa um Jäger_innen und Gesinnungsgenoss_innen handelt. Wäre man österreichischer Staatsanwalt, so könnte man sich vielleicht sogar an die Charakteristika einer kriminellen Vereinigung erinnert fühlen. Aber zum Glück der Jagdgemeinschaft bin ich kein Staatsanwalt, schon gar kein österreichischer, und darum wird es die Jagdmesse Liebenberg wohl auch ein nächstes Mal geben. Aber wir kommen wieder.

Beim Weggehen hatten wir noch eine nette kleine Begegnung mit einer älteren Dame, die in Begleitung ihres Ehemannes dem Ausgangs des weitläufigen Geländes zustrebte und meinte, nein, von der Jagd halte sie ganz gewiss nichts … Ihr Gatte, obwohl in direkter Hör- und Sichtweite, schien das nicht vernommen zu haben. Nun, hoffentlich stellt er für das Wild keine allzu große Gefahr dar.

Übrigens: Für neue Links über Jagdgegner in Deutschland empfiehlt sich die Facebook-Seite der Tierrechtstheorie Berlin.