Ethik und Moral, Veganismus und Weltanschauungen
Vortrag von Barbara Hohensee anlässlich der veganen Schnupperwochen des Tierrechtsbündnis Berlin-Vegan, im Januar 2010.
Einleitung
Mein Thema lautet Ethik und Moral, Veganismus und Weltanschauungen. In den 45 Minuten, die mir zur Verfügung stehen, wird es mir möglicherweise gelingen, Euch zu erschöpfen. Eine erschöpfende Behandlung des Themas ist mir in dieser Zeit nicht möglich, wie in der Vorbereitung immer klarer wurde. Ich habe meine Entwürfe, die immer abstrakter und unverständlicher wurden, schließlich frustriert zur Seite gelegt.
Ich möchte Euch stattdessen zunächst erzählen, wie ich zum Veganismus kam. Bis vor etwa 8 Jahren ernährte ich mich omnivor, aß also auch Fleisch. Das war keine bewusste Entscheidung, sondern sozusagen eine familiäre Tradition. Ich hatte gelernt, dass Fleisch, das mir durchaus schmeckte, zu einer gesunden Ernährung gehört, und diese Behauptung nicht weiter hinterfragt. Dabei hielt ich mich für tierfreundlich, lebte mit geliebten Katzen zusammen und war schon länger Mitglied in einem Tierschutzverein.
Anfang 2002 hörte ich im Radio Berichte über eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, mit der einem muslimischen Metzger das Schächten, also das betäubungslose Töten von Schafen und Rindern, gestattet wurde. Die Auswirkungen auf die betroffenen Tiere wurden sehr nüchtern, aber detailliert beschrieben. Ich versetzte mich in die Lage dieser Tiere und war völlig fassungslos und verzweifelt. Ich konnte nicht verstehen, dass eine solche Praxis, die gegen tierschützerische Grundsätze zu verstoßen schien, erlaubt sein sollte.
Damit begann meine kurze Karriere als klassische Tierschützerin. Ich wollte nunmehr aktiv Tierschutz betreiben, schrieb Leserbriefe und informierte mich über die mehr oder weniger legale Behandlung der Tiere in unseren Massentierhaltungen und Schlachthäusern. Die Konsequenz war, dass ich die Reste von Fleisch, die sich im Kühlschrank befanden, nicht mehr essen konnte. Der innere Widerwille war zu stark.
Ich ernährte mich also vegetarisch und erfuhr immer mehr über die Lebens- und Tötungsbedingungen der so genannten Nutztiere, zum Beispiel der sog. Legehennen (inklusive der Vernichtung der Eintagsküken) und der sog. Milchkühe (inklusive der Tötung und Verwertung der männlichen Kälber). Diese Bedingungen schienen mir unakzeptabel, und ich wollte sie als Konsument nicht weiter unterstützen. Also wurde ich nach einigen Monaten Veganerin. Meine Sorge, kaum noch Abwechslung auf dem Teller zu haben, erwies sich schnell als unbegründet. Eine Vorstellung von der überraschenden Vielfältigkeit der Möglichkeiten rein pflanzlicher Ernährung habt ihr ja inzwischen bekommen.
Biologische Zuordnungen
Ich stellte mir die Frage, warum es in Ordnung sein solle, zum Beispiel Kühe und Schweine, nicht aber Hunde und Katzen zu töten und zu verzehren. Auf diese Frage konnte mir der klassische Tierschutz keine befriedigende Antwort geben. Der Satz „das haben wir schon immer gemacht“ ist kein Argument, zumal sich mit ihm auch die scheußlichsten Verhaltensweisen gegenüber unseren Mitmenschen scheinbar rechtfertigen ließen.
Auf der anderen Seite zeigen die zahllosen Missstände in der Behandlung der so genannten Nutztiere, dass der klassische Tierschutz nicht ausreicht, um auch nur die elementarsten Interessen der Tiere zu wahren. Wer hieran zweifelt, sollte das Buch des ehemaligen Veterinärdirektors Focke „Tierschutz in Deutschland. Ein Etikettenschwindel“ lesen. Inzwischen neige ich der Auffassung zu, dass unser Tierschutzgesetz, das bei konsequenter Anwendung die Situation unzähliger Tiere immerhin erheblich verbessern würde, in der Tat ein Etikettenschwindel ist, weil es im allgemeinen Einverständnis der Handelnden (Tierausbeuter, Tierärzte, Behörden, Politiker) praktisch kaum umgesetzt wird. Man könnte sagen, dass das Tierschutzgesetz den Schlaf der Verbraucher schützt, die allein durch seine Existenz und die lobenden Sonntagsworte von Politikern, die es besser wissen oder besser wissen müssten, in der irrigen Vorstellung gehalten werden, es sei alles in Ordnung.
Auch dies geschieht allerdings, zumindest bis zu einem gewissen Grad, im allseitigen Einverständnis. Das jedenfalls ist die Erfahrung, die ich in zahlreichen Gesprächen mit Freunden oder Bekannten gemacht habe. Tierquälerei lehnen sie, selbstverständlich, alle auf das Schärfste ab. Details über die tatsächlich stattfindende Behandlung der Tiere möchten sie lieber nicht erfahren. Konsequenzen für das eigene Verhalten werden kaum gezogen. Ohnehin beteuern fast alle, kaum noch Fleisch oder allenfalls Biofleisch zu essen. Dass das nicht stimmt, beweisen ihre Bestellungen im Restaurant. Entscheidend ist, dass viele Menschen Angst vor Veränderungen haben, insbesondere, wenn sie diese als einschränkend empfinden. Auch wollen sie kein Leid empfinden, und sei es in Form von Mit-Leid.
Um besser argumentieren zu können, habe ich mich intensiv mit den geschichtlichen, religiösen und philosophischen Grundlagen unseres Verhältnisses zu den Tieren befasst. Bevor ich euch aber meinen groben Überblick über verschiedene Ansätze vorstelle, eine gerechtere Behandlung der Tiere zu begründen, möchte ich davor warnen, den praktischen Einfluss solcher Ideen zu überschätzen.
Bisher habe ich einfach von Menschen und Tieren gesprochen und mich dabei einer gebräuchlichen Abgrenzung bedient. Biologisch ist klar, dass Menschen auch Tiere sind. Wir gehören laut Grzimeks Enzyklopädie der Säugetiere zu den Herrentieren oder Primaten, Unterordnung Halbwelt- oder Schmalnasenaffen, mit nur einer heute lebenden Gattung (Homo) und einer Art (homo sapiens). Richtig wäre es also die Bezeichnung „die anderen Tiere“, aber das ist sprachlich schwer durchzuhalten.
Homo sapiens ist entgegen früher ganz herrschender, aber auch heute noch vertretener Anschauung nicht in erster Linie vernunftgesteuert. Als anschauliches Beispiel hierfür könnte eigentlich der traurige, die Zukunft der eigenen Gattung gefährdende Zustand dieses von uns beherrschten Planeten ausreichen. Inzwischen ist aber auch wissenschaftlich erwiesen, dass unsere Entscheidungen in viel stärkerem Maße durch unsere Gefühle beeinflusst werden, als man dies früher annahm. Diese Erkenntnis mag manchen Menschen narzisstisch kränken, so dass es zu Abwehrreaktionen kommt, wie sie etwa gegenüber der Evolutionstheorie zu beobachten waren und sind. Wie es scheint, wächst aktuell die Bewegung der Kreationisten, die die Schöpfungsgeschichte im ersten Buch Mose für eine wörtlich zutreffende Beschreibung der tatsächlichen Entstehung des Lebens halten. Viele sehen sich lieber als Gottes Ebenbild, denn als nahen Verwandten der Schimpansen.
Grundlagen des Mensch-Tier-Verhältnisses
Die Grundlagen des Mensch-Tier-Verhältnisses sind in grauer Vorzeit entstanden. Der durchschnittliche Steinzeitjäger wird, vermute ich, schon deswegen nicht darüber nachgedacht haben, ob es ethisch richtig ist, einen Hirsch zu töten, weil von dem Jagderfolg sein und das Überleben seiner Sippe abhängen konnte. Auch der Halter von Schafen oder Ziegen in Gegenden mit karger Vegetation mag auf das Schlachten und Essen von Tieren angewiesen gewesen sein. Hieraus entstehen Gewohnheiten, die selbstverständlich fortgeführt werden, auch wenn sich die tatsächlichen Umstände geändert haben.
Solche Traditionen beruhen häufig nicht auf bewussten Entscheidungen, die nach sorgfältiger Abwägung der für und gegen bestimmte Handlungen sprechenden Gründe getroffen wurden. Vielmehr benutzt homo sapiens seine Vernunftbegabung häufig dazu, bestimmte Handlungen oder Zustände, an denen ihm gelegen ist, nachträglich zu rechtfertigen. So ging es letztlich auch mir mit dem Vegetarismus und dann dem Veganismus. Die Entscheidungen zur Veränderung meines Konsumverhaltens waren bereits getroffen, bevor ich mich darum bemühte, hierfür nachvollziehbare Begründungen zu finden. Der eigentliche ethische Impuls ging vom Mitgefühl aus. Nach meinen Erfahrungen ist das der typische Verlauf. Es ist sehr schwierig, einen gewohnheitsmäßigen Fleischesser mit dem Gleichheitsgrundsatz oder unter Hinweis auf andere Subjekte eines Lebens vom Veganismus zu überzeugen.
Damit soll keineswegs der Sinn philosophischer Begründungen für eine grundlegend andere Behandlung der Tiere in Frage gestellt werden. Die unterschiedlichen Ansätze, aus denen sich teilweise auch Schlussfolgerungen über das Mensch-Tier-Verhältnis hinaus ergeben, sind wichtig und hilfreich, sowohl in der Kommunikation mit Dritten als auch zur Überprüfung des eigenen Standpunktes. Dass aber allein die intellektuelle Erkenntnis eines Unrechts, mag die Begründung auch logisch noch so zwingend sein, viele Menschen zu von ihnen als grundlegend empfundenen Änderungen ihres Verhaltens motivieren kann, möchte ich bezweifeln.
Plutarch
Ich zitiere nun Plutarch, einen griechischen Historiker und Philosophen, der zwischen 45 und 120 nach Chr. lebte:
„Du fragst mich, aus welchem Grund Pythagoras sich des Fleischessens enthalten habe? Ich dagegen möchte wissen, welche Leidenschaft, welche Gemütsstimmung oder welcher vernünftige Grund den Menschen bestimmte, der zuerst Blut mit dem Munde berührte und das Fleisch eines toten Tieres an seine Lippen brachte, welcher tote Körper und Leichen als Zukost und Leckerbissen auf die Tische setzte und, um es ganz auszusprechen, Glieder, welche kurz zuvor noch brüllten und kreischten, sich bewegten und sahen - wie das Auge das Schlachten, Abziehen und Zerstücken ansehen, wie der Geruch die Ausdünstung ertragen konnte, wie es dem Gaumen nicht vor der Verunreinigung ekelte, wenn er fremde Geschwüre berührte und Blut und Eiter aus tödlichen Wunden sog. Vielleicht lassen sich jene Menschen, welche zuerst sich entschlossen haben Fleisch zu essen, mit der Not entschuldigen... Was Wunder also, wenn wir der Natur zuwider, zum Fleisch der Tiere griffen, zu einer Zeit, da man Schlamm verschluckte und Baumrinde nagte, und wo es ein Glück war, frischkeimendes Gras oder eine saftige Wurzel zu finden., wo man für den Genuss einer Eichel oder Buchel vor Freuden um den Baum tanzte... Ihr aber, die ihr jetzt lebt, denen alles Nötige in solchem Überfluss zu Gebote steht, welche Wut, welcher Wahnsinn treibt euch zur Mordlust? Was verleumdet ihr die Erde, als ob sie euch nicht nähren könnte? ... Nichts kann uns rühren; nicht die blühende Farbe, nicht der Reiz der melodischen Stimme, nicht die geistige Gewandtheit, nicht die reinliche Lebensart, nicht die ausnehmende Klugheit der armen Tiere. Um eines Stückchen Fleischs willen rauben wir ihnen Sonne, Licht und Leben, für die sie doch geschaffen sind. Dass nun aber das Fleischessen dem Menschen nicht natürlich ist, geht fürs Erste aus der Einrichtung seines Körpers hervor. Denn mit keinem der auf Fleischessen angewiesenen Tiere hat der menschliche Leib eine Ähnlichkeit. Er besitzt nicht die Krümmung des Schnabels, nicht die Schärfe der Klauen, nicht die Schneide der Zähne, nicht die Stärke des Magens und die innere Wärme, welche die schweren Fleischspeisen verwandeln und verdauen kann. Im Gegenteil hat die Natur durch die Glätte der Zähne, die Kleinheit des Mundes, die Weichheit der Zunge und die Schwäche der Verdauungskräfte von Hause aus das Fleischessen verschworen. Bestehst Du dennoch darauf, dass Du zu solcher Ernährungsweise geschaffen seist, so töte zuerst selbst, was Du verzehren willst, aber durch Deine angeborenen Waffen, nicht mit dem Schlachtmesser, nicht mit Keule und Beil. Wie die Wölfe und Löwen selbst töten was sie verzehren, so erwürge einmal einen Stier mit einem Gebiss, zerreiße ein Schwein, ein Lamm, einen Hasen mit dem Rachen und verschlinge wie jene Deine Beute halb lebend!... Freilich ist es schwer, zu Bäuchen zu reden, die keine Ohren haben...“
Plutarch widerlegt hier wortgewaltig die Ansicht, es sei für Menschen natürlich, Fleisch zu essen.
Pythagoras/Porphyrios
Auf Pythagoras, der ca. 570 vor Chr. auf Samos geboren wurde, beruft sich auch Porphyrios, ein scharfsinniger Kritiker des Christentums, der im dritten Jahrhundert nach Chr. lebte.
„Wohlan, so wollen wir die ganze pythagoreische Ansicht vertreten, wonach alles Lebendige, was empfindet und Erinnerung hat, auch ein vernünftiges Wesen ist. Ist das bewiesen, so steht dann ja auch fest, dass die Gerechtigkeit sich auf sie erstrecken muss. Wer also die Wahrheit überhaupt erkennen will, wird hiernach zugeben, dass die Tiere vernunftbegabt sind. Wer freilich die Wahrheit nicht sehen, die Natur der Tiere nicht erkennen will, nun, der wird eben seiner Selbstsucht – ihnen gegenüber – den Zügel schießen lassen. Alle, die die Wahrheit über sie zu erforschen bemüht waren, sie erkannten auch, dass die Tiere vernunftbegabt sind. Und nun betrachte ihre Seelenaffekte, ob sie nicht ganz wie die unsrigen sind! Vor allem die Empfindung! Ist nicht unser Schmecken der Speisen, unser Sehen der Dinge, unser Riechen der Düfte, unser Hören der Töne, unser Gefühl für Wärme und Kälte und so weiter ganz so wie bei den Tieren? Kommt das den Tieren nicht zu, weil sie keine Menschen sind, oder haben sie deshalb nicht Teil an der Vernunft? - Dann müssten auch die Götter keine Vernunft haben, weil sie keine Menschen sind, oder vielmehr wir nicht, da die Götter ja doch vernunftbegabte Wesen sind! Im Gegenteil aber, die Tiere übertreffen an Sinnenschärfe uns bei weitem! Da nun, wie unsere Gegner behaupten, Gerechtigkeit nur gegenüber vernünftigen Wesen statthaben kann, warum sind wir nicht auch gegen die Tierwelt gerecht? Tiere haben Gefühl, empfinden Schmerz, kennen die Furcht und die Verletzung: gegen sie kann man also ungerecht sein. Die Pflanzen aber haben kein Gefühl, für sie gibt es also auch nichts Fremdes, nichts Böses, nichts Verletzendes, keine Ungerechtigkeit, denn das Gefühl ist das Prinzip aller Zu- und Abneigung; Die Zuneigung ist aber nach den Stoikern wieder die Voraussetzung aller Gerechtigkeit. “
Nach Porphyrios sind Lebewesen, die empfinden und Erinnerung haben, vernünftige Wesen bzw. vernunftbegabt, so dass die Gerechtigkeit sich auf sie erstrecken muss. Die Argumentation wirkt, abgesehen von der Bezugnahme auf die Götter, sehr modern.
Christentum
Von den großen monotheistischen Religionen möchte ich nur das Christentum behandeln, das das ethisch-moralische Gedankengut unserer Kultur ganz maßgeblich geprägt hat.
Die fundamentale und verbindliche Grundlage des Glaubens aller Christen ist die Bibel in ihren konfessionellen Ausgestaltungen. Die Bibel gilt in ihren beiden Teilen (sog. AT und NT) als das unveränderliche Wort Gottes. Tatsächlich wurden Texte der Bibel von den Amtskirchen häufig verändert. Freie Christen orientieren sich in ihrem Glauben nur an Teilen der Bibel, so z.B. an den 10 Geboten.
Nach der priesterlichen Schöpfungsgeschichte schafft Gott die Tiere und anschließend die Menschen als sein Ebenbild (Abbild). Gott befiehlt den ersten Menschen, sie sollten die Erde bevölkern und sich alle Tiere (in Wasser, Luft und auf der Erde) unterwerfen (1;28). Dann weist Gott Menschen zur Ernährung Samen und samenhaltige Früchte, und allen Tieren alle grünen Pflanzen zu (Gen.1;29,30), und Gott ist mit seiner Schöpfung sehr zufrieden.
Wir halten kurz fest: Menschen erfahren von Gott keine Privilegierung hinsichtlich der Ernährung. Sie sollen sich ebenso vegan ernähren wie alle anderen Tiere. Privilegiert werden Menschen durch die Gottesebenbildlichkeit und den ihnen erteilten Herrschaftsauftrag über alle Tiere. Damit wird nicht nur die Hierarchiestellung des Menschen über alle Tiere deutlich, sondern zugleich auch die darin liegende Höherwertigkeit des direkt unter Gott stehenden Menschen. Die sozial unter ihm stehenden Tiere soll sich der Mensch nach Gottes Willen unterwerfen. Die Wortwahl „unterwerfen“(Einheitsübersetzung der Hl.Schrift, 1980) drückt dabei das gottgewollte Gewaltverhältnis des Menschen gegenüber allen Tieren aus. Diese Verknüpfung einer absolut friedlichen, weil gewaltfreien Ernährung mit einem Unterwerfungsauftrag irritiert. Der Trappistenmönch Quinn vermutet in seinem Buch „Ismael“, dass in den Schöpfungsmythos einer Viehzüchtergesellschaft Teile eines Schöpfungsmythos einer friedlichen Kultur aufgenommen wurden, nachdem man diese Kultur im Wege des Landraubs zuvor ausgelöscht oder anderweitig absorbiert hatte.
In jüngerer Zeit versuchen Theologen, z.B. über den Ethos der Mitgeschöpflichkeit (Blanke), die Genesis durch Interpretationen tierfreundlich zu gestalten und den Unterwerfungsauftrag gegenüber den Tieren in eine eher die Tiere beschützende Funktion umzudeuten. Durch die stärkere Bewusstmachung, dass Tiere Mitgeschöpfe sind, wird ihnen ein höherer Eigenwert eingeräumt, den es zu berücksichtigen gilt. Dadurch eröffnet sich die Möglichkeit, sie gerecht zu behandeln. Das Streben nach Gerechtigkeit ist eine Ursehnsucht des Menschen, und als Frage nach dem Schutz der Schwachen vor der Willkür der Mächtigen seit dem Altertum aktuell und allgemein als sehr hohes moralisches Gut anerkannt. Die Schwierigkeit beim Ethos der Mitgeschöpflichkeit liegt nun aber darin, dass zwar der moralisch zu berücksichtigende Eigenwert der Tiere als Mitgeschöpf erhöht wurde, dass aber der Eigenwert der Tiere hinter dem Eigenwert des gottesebenbildlichen Menschen weit zurückbleibt. Folglich bleibt die Berücksichtigung der Interessen der Tiere hinter der Berücksichtigung der Interessen der Menschen zurück. Den Bemühungen vereinzelter Theologen um eine Ethik, die Tiere voll in die Moralkonzepte einer nur zwischen den Menschen bestehenden Humanitätspflicht einbezieht, sind dadurch Grenzen gesetzt. Albert Schweitzer verwarf Wertstufen zwischen empfindenden Lebewesen in weiser Voraussicht, wohin ein solches Denken führen kann. Sein Ethos der Ehrfurcht vor dem Leben hat sich jedoch nicht durchsetzen können. Rainer Hagencord will eine stärkere moralische Berücksichtigung der Tiere über ihre unmittelbare Bezogenheit auf ihren Schöpfer erreichen. Zwar sei das Tier nicht wie der Mensch vernunftbegabt, aber eben mangels eines freien Willens direkt auf seinen Schöpfer und dessen Willen bezogen. Den hohen Eigenwert, den das Tier dadurch erhalte, habe der Mensch zu berücksichtigen.
Diese und andere tierfreundliche christliche Konzepte haben es aber auch noch mit dem der Schöpfungsgeschichte nachfolgenden Geschehen zu tun. Denn nach dem Sündenfall und der Sintflut erlaubt Gott den Menschen das Fleischessen: „Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen. Nur Fleisch, indem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen“ (Gen.9;2-4). Hierin kann spitzfindig ein Verbot des Fleischessens gesehen werden, weil es keine Schlachtungsart gibt, die zu einem völligen Blutentzug führt. Praktisch hat die zitierte Stelle aber dazu geführt, dass die an sich schon grausame Schlachtung unter besonders grausamen Methoden durchgeführt wird, damit möglichst viel Blut aus dem noch lebenden Körper herausgepumpt wird (z.B. durch Kopfüberaufhängen der Tiere an einem Bein nach dem Kehlschnitt). Andere Menschen essen einfach nur die Körperteile, die am ehesten vom Blut leergepumpt wurden, so den vorderen Teil des Torsos.
Im NT schreibt Paulus in einem Brief an die Römer: „Ich bin überzeugt, dass die Leiden (gemeint sind nur die eigenen und die der Paulus nachfolgenden Menschen!) nichts bedeuten im Vergleich zu der Herrlichkeit, die an uns (Nicht alle Menschen! Geschweige denn Tiere!) offenbar werden soll. Denn die ganze Schöpfung wartet sehnsüchtig auf das Offenbarwerden der Söhne(!) Gottes (Röm.8; 18-19). Was Paulus damit meint, sagt er an anderen Stellen: „Im Gesetz des Mose steht doch: Du sollst dem Ochsen zum Dreschen keinen Maulkorb anlegen. Liegt denn Gott etwas an dem Ochsen? Sagt er das nicht offensichtlich unseretwegen? Ja, unseretwegen wurde es geschrieben. Denn der Pflüger wie der Drescher sollen ihre Arbeit in der Erwartung tun, ihren Teil zu erhalten.“(1.Kor. 9; 9-10). Der Ochse kann sehen, wo er bleibt!
Freie Christen entziehen sich diesen und vergleichbar tierverachtenden Aussagen, indem sie Tiere in das Tötungsverbot des Dekalog (10 Gebote) mit einbeziehen. Oder sie werden durch einen von ihnen geglaubten Reinkarnationsgedanken zur moralischen Berücksichtigung des Lebensrechts der anderen Tiere motiviert und ernähren sich deshalb vegetarisch/vegan, wie die freien Christen in gnostischen Strömungen oder dualistischen Bewegungen dies taten. Die Marcioniten, die Manichäer, die Priscillianer, die Bogomilen (Gottesfreunde), die Albigenser und die Katharer (Reinen!) lehnten die Machtkirche rundum ab und ernährten sich wegen ihres Glaubens an die Wiedergeburt in Tieren oder Menschen streng vegetarisch und genossen weder Fleisch, noch Eier, noch Milch oder Käse - überhaupt keine Zeugungsprodukte. Fische aß man, weil man sie aus dem Wasser entstanden dachte. Im von der Amtskirche ausgebeuteten Volk waren Albigenser wie Katharer wegen ihres bescheidenen Auftretens hoch geschätzt und gewannen mit ihren Lehren zunehmend Anhänger und Einfluss auch auf den Adel. Damit gefährdeten sie die Macht der Kirche ebenso wie die Einnahmen, die aus dieser Macht flossen. Im 13.Jahrhundert wurden die Albigenser und die Katharer unter Papst Innozenz III. schließlich als Häretiker (Ketzer!) mit einem Kreuzzug bedacht, systematisch gehetzt, gefoltert und auf den Scheiterhaufen gebracht (Nachzulesen bei KH Deschner: „Kriminalgeschichte des Christentums“).
Es gab und gibt also vegetarisch, sogar vegan lebende Christen, aber keinen vegetarischen Papst und auch keinen vegetarisch lebenden Reformator. Das Tier hat nach dem Willen der Mächtigen eine minderwertige oder gar keine Seele, kein Fortleben nach dem Tode, kein Recht auf Leben und Schutz. Es kann auch gar keine Seele haben, damit man es gewissenlos jagen, züchten, schächten, schlachten und vivisektieren kann. Man sagt: Tiere sind „Schöpfung“ und meint damit: sie sind dem Menschen als Material preisgegeben. Kreatur ist gleich Nutzvieh. Wenn man ein besonders grausames Massaker charakterisieren will, sagt man: Die Menschen wurden abgeschlachtet wie das Vieh. Aber für die Tiere ist es kein Massaker – nach dem Sprachgebrauch der Menschen.
Die entscheidenden Stellen im katholischen Erwachsenenkatechismus, 1993 unter Kardinal Ratzinger ausgearbeitet, lauten:
„Nr.2417 Gott hat die Tiere unter die Herrschaft des Menschen gestellt, den er nach seinem Bild geschaffen hat. Somit darf man sich die Tiere zur Ernährung und zur Herstellung von Kleidern bedienen. Man darf sie zähmen, um sie dem Menschen bei der Arbeit und in der Freizeit dienstbar zu machen. Medizinische und wissenschaftliche Tierversuche sind in vernünftigen Grenzen sittlich zulässig, weil sie dazu beitragen, menschliches Leben zu heilen und zu retten.
Nr. 2418 Es widerspricht der Würde des Menschen, Tiere nutzlos leiden zu lassen und zu töten. Auch ist es unwürdig, für sie Geld auszugeben, das in erster Linie menschliche Not lindern sollte. Man darf Tiere gern haben, soll ihnen aber nicht die Liebe zuwenden, die einzig Menschen gebührt.“
Papst Benedikt XVI, vormals Kardinal Ratzinger, aß kürzlich einen als besonderen Leckerbissen geltenden Kapaun. Ein Kapaun ist ein junges Masthähnchen, dem zuvor gewaltsam und ohne Betäubung die Hoden entfernt wurden.
Wir halten fest: Das Verhältnis zwischen Gott, Menschen und Tieren ist in der Bibel festgeschrieben. In diesem geschlossenen hierarchischen System mit eindeutigen Wertzuweisungen lässt sich die Abschaffung der Ausbeutung der unter dem Menschen stehenden Tiere nicht schlüssig begründen. Das Kirchenchristentum kann nur ein moralisches Gewaltminderungskonzept gegenüber den Tieren vertreten. Tiere stehen nach den zentralen Aussagen der Bibel unverrückbar unter dem Menschen, und solange und soweit Tiere von der Kirche gegen die Aussagen der Bibel nicht als Lebewesen mit einem dem Menschen vergleichbaren Wert angesehen werden – womit die Ebenbildlichkeit beseitigt und sich die Kirche ihre eigene Glaubensgrundlage zerstören würde - können Tiere keine moralische Berücksichtigung in einer dem Menschen vergleichbaren Weise erlangen.
Buddhismus
Theoretisch vorbildlich dagegen der Buddhismus, der in sein Tötungsverbot die nichtmenschlichen Tiere mit einschließt. Bereits Buddha verlangt Glück und Frieden für jede Kreatur, darum Unterlassen jeder Verletzung und Tötung, jeglicher Gewalttätigkeit gegenüber allen Wesen, die, ob Pflanze, Tier oder Mensch vor Gewalt zittern. Tat-twam-asi: Das bist Du! Auch Du-Evidenz genannt! Demgemäß hebt der Buddhismus das Tier auf die Stufe des menschlichen, göttlichen, billigt ihm dieselbe Buddha-Wesenheit wie dem Gläubigen zu. Das verhindert in der Praxis aber nicht, dass dennoch von Buddhisten, selbst von Mönchen, Fleisch gegessen wird. Heuchlerisch überlässt man das verbotene eigenhändige Töten gerne Anderen.
Ähnlich wie der Buddhist denkt der Hindu und symbolisiert es durch die kultische Verehrung der Kuh, die ihm heilig ist, und die gemolken und halbverhungert überall in den Städten zu sehen ist. Hühnerfleisch verschmäht er aber nicht, wie mir ein Indienkenner mitteilte. Traditionell bedingt würden sich auch eher Frauen und Kinder an die vegetarische Küche halten als Männer. Zudem hat der Fleischgenuss des westlichen Lifestyles eine weitere Verbreitung gefunden und beeinflusst auf diese Weise uralte prinzipiell tierfreundliche Kulturen. Für Gandhi (mit dem Ehrentitel Mahatma= Große Seele) zählte das Leben eines Lamms nicht weniger als das Leben eines Menschen. Aber Gandhi war in jeder Beziehung eine Ausnahmeerscheinung. Vegan leben nur Minderheiten.
Kant
Der bekannte Philosoph Immanuel Kant lebte von 1724 bis 1804. Von seinem berühmten kategorischen Imperativ existieren verschiedene Fassungen. Eine davon lautet: „Handle stets so, dass die Maxime deines Wollens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte.“ Kants Ethik ist eine Gesinnungsethik. Maßstab für die Bewertung einer Handlung sind nämlich ihre Motive. Ethische Regeln müssen immer und unter allen Umständen eingehalten werden. Für Kant ist sogar Mitleid ein falscher Beweggrund, weil es willkürlich ist und keiner Einsicht in die Notwendigkeit entspricht. Niemand kann sich auf Mitleid verlassen. Wer dagegen aus dem Gefühl der moralischen Pflicht heraus handelt, der handelt moralisch, egal, wie das Ergebnis ausfällt.
Nach Kant befinden sich auf der einen Seite vernunftbegabte Menschen, auf der anderen Seite vernunftlose Tiere. Im Original hört sich das so an:
„Der vierte und letzte Schritt, den die den Menschen über die Gesellschaft mit den Tieren gänzlich erhebende Vernunft tat, war: dass er (wiewohl nur dunkel) begriff, er sei eigentlich Zweck der Natur, und nichts, was auf Erden lebt, könne hierin einen Mitbewerber für ihn abgeben. Das erstemal, dass er zum Schafe sagte: den Pelz, den du trägst, hat dir die Natur nicht für dich, sondern für mich gegeben, ihm ihn abzog und sich selbst anlegte: ward er eines Vorrechtes inne, welches er vermöge seiner Natur über alle Tiere hatte, die er nun nicht mehr als seine Mitgenossen an der Schöpfung, sondern als seinem Willen überlassene Mittel und Werkzeuge zu Erreichung seiner beliebigen Absichten ansah. Diese Vorstellung schließt (wiewohl dunkel) den Gedanken des Gegensatzes ein: dass er so etwas zu keinem Menschen sagen dürfe, sondern diesen als gleichen Teilnehmer an den Geschenken der Natur anzusehen habe, eine Vorbereitung von weitem zu den Einschränkungen, die die Vernunft künftig dem Willen in Ansehung seines Mitmenschen auferlegen sollte, und welche weit mehr als Zuneigung und Liebe zu Errichtung der Gesellschaft notwendig ist.“
Hier wird unter Berufung auf die menschliche Vernunft der Graben zwischen den Menschen und Tieren befestigt oder gar verbreitert. Tierquälereien lehnte Kant ab, allerdings weniger wegen ihrer Auswirkungen auf die betroffenen Tiere als wegen ihrer Auswirkungen auf die Menschen, da dadurch „das Mitgefühl an ihrem Leiden abgestumpft und eine der Moralität im Verhältnis zu anderen Menschen sehr diensame natürliche Anlage geschwächt und nach und nach ausgetilgt“ werde. Gegenüber Tieren bestehen danach nur indirekte Pflichten. Dem folgend war im Strafgesetzbuch des 19. Jahrhunderts nur die öffentliche Tierquälerei strafbar, und zwar wegen der Gefahr der Verrohung der Menschen.
Schopenhauer
Der Philosoph Schopenhauer lebte von 1788- 1860. Er stellt die Schmerz- und Leidensfähigkeit eines Lebewesens (ob Mensch oder Tier) in den Mittelpunkt seiner moralischen Berücksichtigung. Schmerzen und Leiden sind bei Menschen und Tieren vergleichbar, es spricht sogar viel dafür, dass sie bei Tieren größer sind, weil sie stärkere Sinneswahrnehmungen und keine dem Menschen vergleichbare reflektorische Verarbeitungsmöglichkeit haben. Die Vermeidung von Schmerzen und Leiden ist zudem ein zentrales Anliegen jedes empfindenden Lebewesens. Schopenhauer kritisiert stark den seit Kant geltenden Vernunftbegriff, indem er dessen Schwächen herausstellt. So sei die Konzeption Kants von unbedingten Verpflichtungen und Vernunftgesetzen letztlich der religiösen Moral entnommen und hänge nach Streichung einer göttlichen Normautorität, aus der sich die menschliche Vernunft als sein Ebenbild ableitet, in der Luft. Zudem verdrehe Kant den Moralbegriff, wenn er moralisches Handeln unter ein Pflichten-Gesetz stellen würde, denn Moral zeichne sich viel mehr durch einen moralischen Impuls und freiwilliges Handeln aus. Ansonsten wäre es keine Moral mehr. Zudem sei moralisches Handeln nicht eigennützig, sondern altruistisch. Sein Motiv sei gerade nicht das eigene Wohl, sondern das Wohl und Wehe anderer Lebewesen. Wer sich mit anderen Wesen identifiziere und ihr Leiden wie das eigene fühle, habe Mitleid und beweise somit auch, dass Mitleidshandlungen möglich sind.
Der Mitleidsmoral von Schopenhauer wird entgegengehalten, dass sich auf dem Affekt des Mitleids - nicht jeder hat es, aber wohl keiner würde sich öffentlich gerne als mitleidlos hinstellen - keine für jeden geltende Moral aufbauen lasse. Doch hat Schopenhauer nicht behauptet, dass Mitleid in jedem Fall erregt wird. Vielmehr können wir auf der Basis, dass Mitleid als positives menschliches Gefühl bewertet wird, die allgemeine Maxime bilden, niemanden Leid zuzufügen, und diese zu einem festen Vorsatz erheben. Absolute Rechte auf Leidensfreiheit eines Individuums statuiert sie aber nicht.
Nelson
Eine Gerechtigkeitsmoral, die Tiere mit einbezieht, wurde z.B. vom Philosophen und Juristen Leonard Nelson (1882-1927) vertreten. In seinem Appell an seine sozialistischen Genossen sagt er:
„Ein Arbeiter, der nicht nur ein verhinderter Kapitalist sein will, und dem es also Ernst ist mit dem Kampf gegen jede Ausbeutung, der beugt sich nicht der verächtlichen Gewohnheit, harmlose Tiere auszubeuten, der beteiligt sich nicht an dem täglichen millionenfachen Mord, der an Grausamkeit, Rohheit und Feigheit alle Schrecknisse des Weltkriegs in den Schatten stellt. Das sind Angelegenheiten, Genossen, die entziehen sich der Abstimmung... Entweder man will gegen die Ausbeutung kämpfen, oder man lässt es bleiben. Aber wer als Sozialist über diese Forderungen lacht, der weiß nicht, was er tut. Der beweist, dass er nie im Ernst bedacht hat, was das Wort Sozialismus bedeutet.“
Es gehört zum Wesen der unteilbaren Gerechtigkeit, sich nicht ausgewählten Gruppen, sondern allen Gruppen zu öffnen, die unter einer ungerechter Behandlung zu leiden haben. Nelson greift damit den Gedanken der Einheit des Lebens oder der Verwandtschaft aller Lebendigen auf und fordert über die daraus erwachsende Solidarität mit Tieren die Beachtung des Lebensrechts der Tiere und ihrer Interessen.
Frankfurter Schule
Starke Impulse gegen die Ausbeutung und Tötung von Tieren gehen insbesondere aus der Frankfurter Schule hervor. Die Philosophen und Soziologen Adorno und Horkheimer analysieren im Rahmen der Kritischen Theorie die Mensch-Tier-Beziehung als bestehendes Macht- und Gewaltverhältnis. Dabei beinhaltet die Gewalt gegen Tiere zugleich eine Gewalt gegen Menschen, weil Vorurteils- und Unterdrückungsmuster eine eigene Logik und wechselseitige Abhängigkeitswirkungen entfalten, die an der Grenze zur eigenen Spezies nicht haltmachen. Aus der menschlichen Fähigkeit zu Perspektivenwechsel und Empathie (Einfühlungsvermögen) ergibt sich bei Horkheimer die Ausdehnung der Solidarität auf Mitglieder anderer Arten, denn in „entscheidenden Zügen sind wir dasselbe wie Tiere, ja wie alles Lebende, und mögen uns als sein natürlicher Anwalt fühlen, wie der glücklich befreite Gefangene gegenüber den Leidensgenossen, die noch eingeschlossen sind.“ Dieses Prinzip einer übergreifenden Solidarität überschreitet eben auch die Grenzen äußerlicher Merkmalkategorien, damit auch die der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Spezies. In der Definitionsmacht der Herrschenden, die sich zur Machtausübung an nachrangigen Sekundärmerkmalen oder anderen vergleichbaren Merkmalen orientieren, zeigt sich zugleich die Relativität der Speziesgrenzen. Der traditionelle Mensch-Tier- Graben ist eine künstliche Zweiteilung, denn tatsächlich ist der Mensch auch ein Tier, hat der Mensch nicht nur Verstand, sondern auch Triebe usw. Der traditionelle Dualismus: hier Mensch, da Tier mit den entsprechenden Zuordnungen / hier Geist, da Materie / hier Seele, da Körper / hier Vernunft, da Trieb/ hier Denken, da Affekte/ hier Moral, da Instinkt/ hier zivilisiert, da wild usw. dient der willkürlichen Zuschreibung von Werten und der Zuordnung von Tieren in die Welt der minderwertigen „Natur“. Diese willkürlichen Wertezuschreibungen wirken tiefenkulturell, damit unbewusst weiter. Um dem entgegenzuwirken, müssen zwar die faktischen Speziesdifferenzen, aber auch die speziesübergreifenden vitalen Gemeinsamkeiten gesehen und berücksichtigt werden.
Aus der geringeren rationalen Kompetenz des Tieres folgt somit nicht – wie traditionell üblich – die Legitimation seiner Ausbeutung und Vernichtung, sondern der Appell an die Solidarität mit den Schwächeren auf der Basis einer reflexiv gewordenen „Sonderstellung“ und „Privilegiertheit“ des Menschen. Mit der „zufälligen“ Diskrepanz in der Ausprägung der Rationalität bei Menschen und Tieren korrespondieren die für das menschliche Individuum ebenso „zufälligen“ – weil zeit- und gesellschaftsbedingten – Differenzen in innerer und äußerer Freiheit.
Bentham
Der zum Beispiel von Kant vertretenen Gesinnungsethik entgegen gesetzt ist der im angelsächsischen Sprachraum weit verbreitete Utilitarismus. Nach ihm sind nicht die Motive einer Handlung, sondern deren Folgen maßgebend für die ethische Bewertung. Das primäre Ziel des Utilitarismus ist die Verringerung des Gesamtleidens auf der Welt und damit die Erhöhung des Gesamtglücks. Wessen Glück es ist, ist dabei unerheblich. Tiere können somit problemlos in die ethische Betrachtung einbezogen werden.
Der Jurist, Sozialphilosoph und Utilitarist Bentham, der von 1748-1832 lebte, sagte:
„Der Tag mag kommen, an dem der Rest der belebten Schöpfung jene Rechte erwerben wird, die ihm nur von der Hand der Tyrannei vorenthalten werden konnten. Die Franzosen haben bereits entdeckt, dass die Schwärze der Haut kein Grund ist, ein menschliches Wesen hilflos der Laune eines Peinigers auszuliefern. Vielleicht wird eines Tages erkannt werden, dass die Anzahl der Beine, die Behaarung der Haut oder die Endung des Kreuzbeins ebenso wenig Gründe dafür sind, ein empfindendes Wesen seinem Schicksal zu überlassen. Was sollte sonst die unüberschreitbare Linie ausmachen? Ist es die Fähigkeit des Verstandes oder vielleicht die Fähigkeit der Rede? Ein voll ausgewachsenes Pferd aber oder ein Hund ist ungleich verständiger und mitteilsamer als ein einen Tag oder eine Woche alter Säugling oder sogar als ein Säugling von einem Monat. Doch selbst wenn es anders wäre, was würde das ausmachen? Die Frage ist nicht: Können sie denken? Können sie sprechen? Sondern: Können sie leiden?“
Singer
Der Philosoph und Utilitarist Peter Singer hat mit seinem 1975 erschienen Buch „Animal Liberation“ dem ethisch motivierten Veganismus neuen Auftrieb gegeben. Darin argumentiert er, es gäbe keine moralische Rechtfertigung, das Leid eines Wesens, gleich welcher Natur es sei, nicht in Betracht zu ziehen. Spezielle „nichtmenschliche Tiere“ von diesem Gleichheitsprinzip auszuschließen sei so willkürlich, wie Menschen anderer Hautfarbe, Kultur, Religion oder Geschlecht auszunehmen.
„Die Fähigkeit zu leiden, oder genauer gesagt zu Leid oder Freude bzw. Glück – ist nicht eine unter vielen Eigenschaften wie die Fähigkeit zur Sprache oder zur höheren Mathematik“, sagt Singer, „die Fähigkeit zu Leiden und Freude ist eine Vorbedingung, um überhaupt Interessen haben zu können, eine Bedingung die erfüllt sein muss, damit wir überhaupt sinnvoll von Interessen sprechen können …Der klassische Utilitarist betrachtet eine Handlung als richtig, wenn sie ebensoviel oder mehr Zuwachs an Glück für alle Betroffenen produziert als jede andere Handlung, und als falsch, wenn sie das nicht tut.“ Der Utilitarist fordert von jedem Handelnden, dass er unter sonst gleichen Umständen zwischen seinem eigenen Glück und dem der anderen keinen Unterschied macht; er hat zu urteilen wie ein unparteiischer Richter oder ein wohlwollender Zuschauer. Singer stützt sich auf die grundlegende Regel der Gerechtigkeit, gleiches sei auch als gleich zu beurteilen. Übertragen auf die Mensch-Tier-Beziehung bedeutet das: Wenn das Wohl der Menschen etwas in sich Gutes und Förderungswürdiges darstellt, dann ist es dies nicht nur für uns Menschen, sondern für jedes andere Lebewesen auch. Und wen dieser Gedanke überzeugt hat, für den ist die so oft gehörte These, dass der Mensch einen grundsätzlichen Vorrang vor dem Tier habe, nicht mehr akzeptabel. Es muss jedoch gewährleistet sein, dass bei der im U. geforderten Abwägung der Folgen nicht jede beliebige Handlung durch den Hinweis auf den dadurch eintretenden oder doch erwarteten Nutzen einer Mehrheit gerechtfertigt werden kann. Gäbe es eine solche Grenze nicht, was könnte man dann dagegen einwenden, das Leben eines Ochsen zu opfern, damit sich an seinem Fleisch viele Menschen erfreuen können? Diese Gefahr soll nach Singer der Präferenz-Utilitarismus, der den Utilitarismus mit dem Gleichheitsgrundsatz verbindet, ausschließen. Danach sind gleiche Interessen gleich zu gewichten, ungleiches entsprechend anders. Die banale Freude mehrerer Menschen an einem Stück Fleisch des Ochsen rechtfertigt es nicht, das Leben des Ochsen geringer zu werten als das Geschmackserlebnis der Vielen. Denn das Interesse am Leben steht höher als das Geschmacksinteresse Vieler. Singer sagt: Die einfachste Möglichkeit für das Individuum moralisch zu leben bedeutet auf eine Weise zu leben, die man zu begründen bereit ist, und zwar auf eine universalistische Weise. Denn wer sein Handeln so begründe, der könne die eigenen Interessen nicht einfach deswegen, weil sie die eigenen sind, höher gewichten als die Interessen anderer. Die Handlung des Individuums, die insgesamt die Interessen der Betroffenen maximiert, ist die moralisch richtige Handlung. Auch wenn einzelne oder eine Gruppe von Lebewesen tatsächlich weniger begabt sein sollten, ist daraus nicht abzuleiten, dass man sie schlechter behandeln darf. Dazu bringt der Tierrechtsphilosoph Helmut F. Kaplan ein Argument von Jeffrey M. Masson und Susan McCarthy: „Ein Bär wird niemals Beethovens Neunte komponieren, aber unser Nachbar kann das auch nicht. Das ist noch längst kein Grund, daraus den Schluss zu ziehen, wir dürften mit diesem Nachbarn Experimente anstellen, dürften fröhliche Jagd auf ihn machen, dürften ihn munter verspeisen.“
Regan
Das Konzept des Philosophen Tom Regan beruht hingegen auf anderen Überlegungen. 1984 erschien sein Hauptwerk „The case for Animals Rights“. Regan geht von der Annahme aus, dass Vögel und Säugetiere, die ein Jahr oder älter sind, über ein komplexes Seelenleben verfügen. Das ist sowohl durch wissenschaftliche Untersuchungen als durch alltägliches Beobachten derartig einleuchtend bewiesen, dass die Beweislast auf Seiten derer liegt, die Tieren ein komplexes Seelenleben absprechen möchten. Sie haben Vorlieben, und wenn wir sie ihnen verwehren, frustrieren wir nicht nur ihre Bedürfnisse, sondern berauben sie auch der Befriedigung, ihre Ziele zu verfolgen. Z.B. leidet ein schwangeres Schwein, dem ein vorbereiteter Platz für die Geburt der Geburt der Ferkel zur Verfügung gestellt wird, darunter, sich diesen Platz nicht selbst suchen und gestalten zu können. Wir können also Tieren in zweierlei Hinsicht schaden, entweder, in denen wir ihnen etwas tun, z.B. Schmerzen zufügen, oder in denen wir ihnen etwas vorenthalten, eben ein erfülltes Leben. Und das ist der springende Punkt. Natürlich ist es sehr wichtig, zu vermeiden, dass Tiere leiden, aber es gibt noch andere Schäden, die wir ihnen zufügen können.
Regan spricht Tieren Rechte zu. Er begründet das damit, dass moralisch Betroffene, also diejenigen, für und über die moralisch Agierende entscheiden, selbst von moralischem Belang sind. Er sagt: „Wir haben eine direkte prima-facie-Pflicht, Individuen keinen Schaden zuzufügen.“ Prima-facie, d.h. auf den ersten Blick, deshalb, weil sie nicht unter allen Umständen besteht, z.B. nicht bei Notwehr. Schließlich können die moralisch Betroffenen auch geschädigt werden, auch sie haben ein Wohlergehen, das beeinträchtigt werden kann, unabhängig davon, ob sie selbst moralische Entscheidungen treffen können. Tiere sind moralisch Betroffene. Ihnen nur – wie bisher - einen indirekten oder direkten moralischen Belang zwischen moralischen Akteuren zuzusprechen, sei nicht ausreichend für die Erfüllung menschlicher Pflichten gegenüber den Tieren, weil damit der Motivation des Täters zu viel Gewicht beigemessen werde.
Die Einstellung der Täter, ob sie nun freundlich oder grausam zu Tieren sei, ändere nichts am Schicksal der Tiere. Welche Gefühle die Menschen haben, wenn sie grausam zu Tieren seien, sage nichts darüber aus, ob ihr Verhalten moralisch richtig oder falsch sei. Das gilt auch entsprechend für die Forderung, freundlich oder gut zu Tieren zu sein. Die Einstellungen könnten nicht die Erfüllung der menschlichen Pflichten gegenüber Tieren gewährleisten. Der grundlegende Wechsel in der Perspektive bestünde also darin, die Individuen selbst hinreichend ernst zu nehmen und ihnen einen Wert zuzuschreiben. Dieser inhärente Wert, den Regan auch den Tieren zubilligt, ist unabhängig von ihren Erlebnissen und den Erlebnissen anderer. Er ist von allen weiteren Kriterien unabhängig, wie z.B. ob man dieses Wesen liebt oder nicht, hasst oder nicht, oder ob es für irgendjemand von Interesse ist. Diesen inhärenten Wert hat es, weil es ein Subjekt des Lebens ist, allein dadurch, dass es über ein komplexes Seelenleben verfügt. Subjekte sind immer autonome Wesen, die ihre Wünsche und Ziele selbst aktiv verfolgen können und wollen. Verbunden mit diesem inhärenten Wert ist das Recht der Wesen, dass ihr Wert respektiert wird und sie diesem Recht entsprechend behandelt werden. Der Respekt diesem Wert gegenüber verpflichtet auch dazu, den Tieren beizustehen, weil sie ihre Rechte nicht selbst verteidigen und einklagen können. Regans Vorstellung vom inhärenten Wert eines jeden lebenden Wesens bedeutet, für die völlige Abschaffung des Gebrauchs von Tieren in der Wissenschaft, die völlige Abschaffung der kommerziellen Tierwirtschaft und die völlige Beendigung der kommerziellen und Sportjagd und Fallenstellerei zu kämpfen.
Der Ansatz von Regan ist hinsichtlich der einheitlichen Altersgrenze, ab der verschiedensten Tierarten ein komplexes Seelenleben zugesprochen wird, nicht unproblematisch. Sein Verdienst liegt darin, dass er den anderen Tieren uneingeschränkt eigene Rechte zubilligt. Der jedem Lebewesen alleine durch sein komplexes Seelenleben innewohnende Wert, der sog. inhärente Wert, ist - im Unterschied zu Kants an einen Weltlogos angedockte absolute Wertsetzung der Vernunftbegabtheit - rational, weil die Komplexität eines Seelenlebens überprüfbar ist. Regan zieht mit seiner Begründung Tiere aus dem Status heraus, Mittel zu Zwecken des Menschen zu sein, indem er über den inhärenten Wert darlegt, dass sie ein unverfügbarer Zweck an sich sind – nicht anders als der Mensch. Und so schließt sich der Kreis zu tierfreundlichen Denkern der Antike, die ebenfalls vorwiegend empirisch argumentierten.
Kaplan
Eine Ethik, die viele Menschen erreichen soll, muss einfach zu verstehen und zu praktizieren sein. Hierauf weist Helmut Kaplan in seinem Buch „Die ethische Weltformel“ zutreffend hin. Als ethische Weltformel bietet er die goldene Regel an, deren populäre Formel wie folgt lautet: „Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Etwas differenzierter lässt sich formulieren: „Behandle jedermann so, wie du selbst an seiner Stelle wünschtest behandelt zu werden.“
Diese goldene Regel ist in der Tat ein Prinzip, das in den allermeisten real vorkommenden Situationen ausgezeichnet funktioniert. Kaplan erstreckt sie auch auf die Tiere. Dem Einwand, wir wüssten ja gar nicht, wie Tiere behandelt werden wollten, begegnet er mit dem Hinweis auf unsere heutigen Möglichkeiten, Zugang zu tierlichem Erleben zu finden. Dass die Tiere etwa in den heutigen Tierfabriken eine andere Behandlung wünschten, ist evident.
Als gedankliches Experiment nützlich sein kann die Vorstellung, außerirdische Wesen, die uns Menschen völlig überlegen sind, beherrschten die Erde und könnten mit uns tun und lassen, was sie wollten. Welche ihrer Handlungen wären wir bereit hinzunehmen, und wie würden wir zur Verteidigung unserer elementaren Interessen argumentieren? Aus den Antworten auf diese Fragen ergeben sich meines Erachtens klare Hinweise darauf, wie ein gerechtes Mensch-Tier-Verhältnis aussehen könnte.
Schlussfolgerung
Von Gerechtigkeit im Umgang mit den Tieren sind wir trotz all der dargestellten religiös und philosophisch begründeten Ansätze weit entfernt. Ob sich hieran in Zukunft etwas ändern wird, ist ungewiss. Tom Regan erklärte bei einem Vortrag in Berlin auf die Frage, welches aktuell die drei wichtigsten Ziele der Tierrechtsbewegung wären: erstens wachsen, zweitens wachsen, drittens wachsen. Ich halte das für richtig.
Euch danke ich für das Interesse am Veganismus, das hoffentlich durch meinen Vortrag nicht gelitten hat. Zur Orientierung sehr hilfreich, obwohl nicht speziell auf Veganismus bezogen, war für mich das fast schon klassische Buch „Leichenschmaus“ von Helmut Kaplan.
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