Buchbesprechung zum „kleinen Ferkel“ mit unbequemen Ansichten
Das Tierrechtsbündnis Berlin-Vegan veröffentlicht unten stehend einen Artikel anlässlich der geplanten Indizierung des religionskritischen Kinderbuches „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel“
Dieser Artikel ist zweifellos subjektiv eingefärbt, jedoch ein wichtiger Beitrag bei der Betrachtung der Parallelen von „Gegenmaßnahmen“, mit denen sich Religionskritiker wie Tierrechtler und andere Selbstdenker oft konfrontiert sehen, wenn sie unhaltbare Zustände anprangern. Wir betreiben damit ganz ausdrücklich keine Atheismus-Werbung, sondern fordern ein gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener Weltanschauungen - auch der atheistischen, soweit diese Tier- und Menschenrechte einfordern.
Michael Schmidt-Salomon / Helge Nyncke
Wo bitte geht´s zu Gott? fragte das kleine Ferkel.
Ein Buch für alle, die sich nichts vormachen lassen
Gebunden, durchgängig farbig illustriert
36 Seiten, 12 Euro, ISBN: 3865690300
(Alibri Verlag, Aschaffenburg)
Die Geschichte beginnt damit, dass ein Ferkel und ein Igel ein Plakat mit der Aufschrift entdecken: „Wer Gott nicht kennt, dem fehlt etwas!“ Sie machen sich auf die Suche nach Gott und sprechen dabei mit einem Rabbi, einem Bischof und einem Mufti. Die Religionsvertreter geben zunächst Erklärungen, erregen sich aber dann über die Bemerkungen der Tiere. Ferkel und Igel entkommen dem Zorn der Gottesmänner nur knapp. Das Fazit der Autoren: Rabbis, Priester und auch Muftis sind „nackte Affen“ wie Du und ich, nur mit dem Unterschied, dass sie sich seltsam kleiden und überflutende Gespenster sehen.
Das Büchlein führte zu heftigen Reaktionen von katholischer, evangelischer und jüdischer Seite. Zwar wurde das aufgrund einer Strafanzeige der katholischen Diözese Stuttgart eingeleitete Ermittlungsverfahren vom Leitenden Oberstaatsanwalt eingestellt. Die Bundesfamilienministerin Ursula von der Leyen (CDU) beantragt jedoch, das Buch auf den Index der jugendgefährdenden Medien zu setzen, weil Christentum, Islam und Judentum lächerlich gemacht würden (was zutreffen mag) und Text und Abbildungen des Buches antisemitische Tendenzen aufwiesen (was abwegig ist und der ausdrücklichen Stellungnahme des Zentralrats der Juden widerspricht). Den entsprechenden Antrag, Stellungnahmen der Autoren und viele weitere Informationen findet man unter www.ferkelbuch.de.
Die Schwierigkeiten von Vertretern der Religionsgemeinschaften im Umgang mit kritischen Äußerungen sind geschichtlich bekannt und psychologisch verständlich. Als besonderes Sakrileg wird kindgerecht verpackte Religionskritik empfunden. Das Bestreben von Glaubensgemeinschaften geht – pädagogisch durchaus sinnvoll – dahin, Menschen in jungen Jahren im Sinne der jeweiligen Religion zu beeinflussen. So forderte schon Luther, bereits sehr kleine Kinder in festem Glauben zu erziehen, um sie gegen die Gefahren der Vernunft zu immunisieren. Die Empörung war also absehbar und bestätigt witziger Weise wesentliche Aussagen des Büchleins. Dessen freche Autoren sehen sich nun einer ähnlichen Situation ausgesetzt wie ihre tierlichen Protagonisten in der erzählten Geschichte. Im Ergebnis dürfte sich die öffentliche Aufmerksamkeit allerdings eher verkaufsfördernd auswirken.
Das Büchlein ist wegen seiner drolligen Texte und detailreichen Illustrationen auch für religiös entspannte Erwachsene sehr lesenswert. Tierrechtlich orientierte Leser können insbesondere die Panik nachvollziehen, in die das Ferkel gerät, nachdem es vom Bischof erfahren hat, dass die Christen Gottes Sohn essen. Die bange Frage, was solche Menschen wohl mit Ferkeln tun, beantwortet anschaulich der ehemalige Veterinäramtsleiter Hermann Focke (Tierschutz in Deutschland – Etikettenschwindel?!, 1. Aufl. 2007, S. 245 ff, ISBN 978-3-939430-93-3). Eine kindgerechte Aufklärung hierüber wäre angesichts der Vielzahl von idyllisch verklärenden „Bauernhofsbüchern“ dringend nötig – und würde mit hoher Wahrscheinlichkeit ähnlich allergische Reaktionen hervorrufen.
Nachtrag
Der Antrag auf Indizierung wurde am 06.03.2008 zu Recht abgewiesen, was in einigen religiösen und politischen Kreisen keine Zustimmung fand.
Das Ferkelbuch steht nicht im Zusammenhang mit Tierrechten, es benutzt lediglich, wie in Kinderbüchern üblich, tierliche Protagonisten. Diverse veröffentlichte Reaktionen auf die kindgerechte Kritik an den drei monotheistischen Religionen, Judentum, Christentum und Islam stimmen bedenklich. Aus traditionellen und unkritischen Positionen heraus werden "Querdenker" ohne echte inhaltliche Auseinandersetzung bekämpft. Dieses Phänomen ist Menschen, die sich für Tierrechte einsetzen, wohl bekannt.
Kinder neigen zu einer großen Empathie gegenüber tierlichen Individuen, bevor sie einer „Gehirnwäsche“ durch die gesellschaftlich (noch) anerkannten Allesesser unterzogen werden. Es bleibt zu hoffen, dass das sympathische und neugierige Ferkel den Kindern auch dann noch im Gedächtnis haftet. Auf die richtigen Fragen (z.B. wie werden die Tiere behandelt und getötet? müssen wir wirklich Fleisch, Milch, Eier etc. essen?) werden sie dann schon von selbst kommen.
