Berlin-Vegan: Das Phänomen Knut, der Eisbär

Das Phänomen Knut, der Eisbär

Mama Eisbär, unter der Vorherrschaft des Menschen in Gefangenschaft lebend, nahm ihre Kinder nicht an, und Knut überlebte nur dank eines Brutkastens und eines hingebungsvollen Tierpflegers. Er mauserte sich in kürzester Zeit zum vielbeachteten Liebling der Nation, der begeistert Sandspiele betreibt und an den Gummistiefeln seines Pflegers knabbert. Es wäre höchst erschreckend und unnormal, würde man das tollpatschige Bärenkind mit dem ihm anhaftenden Kindchenschema nicht lieben und schützen wollen. In diesen Zustand emotionaler nationaler Entrückung schlug die Forderung nach der Tötung des Jungbären wie eine tückisch geworfene Bombe in das Gemüt der Knut-Verehrer, und erinnerte auch sicher schmerzlich an das Schicksal des getöteten Braunbärenjungen Bruno.

Doch Knut ist nicht Bruno. Knut ist noch ein Winzling und sitzt zudem sicher eingeknastet hinter Gittern. Umso unverständlicher erscheint die Forderung  nach seiner Tötung. Was mag diese Forderung nach Tötung ausgelöst haben? Vielleicht das Wissen um sein zukünftiges Schicksal eines zu langer Gefangenschaft verurteilten Lebens unter artwidrigen Bedingungen?

Knuts Leben ist schon jetzt verplant. Zuchttier soll er werden.  Ein fast unentwegt unter Beobachtung stehendes Tier ist er und wird er sein. Ein Publikumsmagnet, der den Eintrittsrubel rollen lassen wird, solange er Jungtierallüren zeigt, und das Herz von Familien mit Kindern erfreut. Wäre es da womöglich nicht doch besser für ihn gewesen, man hätte der Natur ihren Lauf gelassen und Knut sterben lassen, anstatt ihn mit künstlichen Methoden am Leben zu erhalten und schließlich zum  Begattungs- und Begaffungsobjekt zu degradieren? Wäre es nicht die Aufgabe verantwortlicher Menschen, diesen mächtigen Tieren ihren Lebensraum zu erhalten, anstatt ihre Art längerfristig durch Zoohaltung sichern zu wollen. Diese Fragen darf und soll sich jeder Tierliebhaber stellen, und die starke Provokation des Tötungsverlangens zielte sicher auch in diese Richtung eines grundsätzlichen Nachdenkens über unseren grundsätzlichen Umgang mit den Tieren und der restlichen Natur als vermeintlicher Ressource des Menschen.

Einem Umgang, in dem sich auch unsere Anmaßungen zu ausbeuterischer  Fremdbestimmung und willkürlicher Herrschaft über andere empfindende Arten spiegeln. Denn genauso interessant ist hier die Frage, wie Menschen, die in der einen Hand ihre geliebte Berliner (Bio-)Currywurst halten, gleichzeitig mit der anderen Hand empört wedelnd Tiere schützen wollen.

Knuts Leben wird nach der geldwerten Philosophie seiner Seltenheit kostbarer als das Leben der vielen ungezählten liebenswerten Tierkinder angesehen, die am laufenden Band zu Discounterpreisen gezüchtet werden, um alsbald stündlich millionenfach an Hakenvorrichtungen und auf Fließbändern moderner Schlachtfabriken ihr qualvoll kurzes Leben oftmals unter grauenvollen Umständen beenden zu müssen. Deren Schicksal wird schlicht ignoriert. So werden die wenigen zu einem langen ebenfalls nutzbringenden Leben bestimmten Lebewesen wie Knut mit aller Macht von der Gesellschaft am Leben erhalten, während man die anderen so gedanken- wie gnadenlos nach kürzester Zeit ums Leben bringt, um sie sich ohne Not einzuverleiben.

Der noch privilegierte Knut weiß jedenfalls von all dem nichts und er muss auch nicht wissen, was den mit weniger Glück, Liebe oder Respekt gesegneten anderen Tierkindern durch Menschenhand geschieht. Die derzeit um Knuts Wohl erhitzten Tierschützer und Tierfleischliebhaber sollten allerdings ihr widersprüchliches Verhalten zur Kenntnis nehmen. Vielleicht war wenigstens dazu das Phänomen Knut und der geforderte Anschlag auf sein Leben gut!


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22.03.07 19:32 Alter: 5 yrs
Kategorie: Unterhaltung

Von: BMH