Berlin-Vegan: Jägerlatein und Jagdmythen

Jägerlatein und Jagdmythen

Am besten dürfte es JagdgegnerInnen gelingen, den Menschen, die bisher die Jagd noch dulden oder sogar akzeptieren, ihr Anliegen verständlich machen können, wenn ganz gezielt einige Jagdmythen entlarvt werden. Das ist nicht besonders schwierig.

Die allgemeine Glaubwürdigkeit eines Jägers findet ihren sprichwörtlichen Ausdruck in dem Begriff „Jägerlatein“. Bereits der Reichskanzler Otto von Bismarck bemerkte, es werde niemals so viel gelogen wie vor der Wahl, während des Krieges und nach der Jagd.
Und unser omnipräsenter Landwirtschaftsminister Seehofer sagt ganz ähnlich und endlich einmal wahrheitsgetreu:

„Nirgendwo wird so viel gelogen wie vor einer Hochzeit, nach einer Jagd und während einer Beerdigung.“
(Stern, Ausg. 23/2007)

Hätte man vor 100 Jahren die Jäger nach den Gründen für ihr Handeln befragt, wären die Antworten klar und unmissverständlich ausgefallen. Sie jagten aus Jagdfreude, Jagdlust, Jagdbegierde. Es machte ihnen einfach Spaß. Im Gegensatz zu den Jägern haben sich die Zeiten geändert. Es gibt gewisse zivilisatorische Fortschritte. Die Mehrzahl der Zeitgenossen hält persönlichen Lustgewinn nicht mehr für ein ausreichendes Motiv, um das Töten wehrloser Mitlebewesen zu rechtfertigen. Unverbrämt wird die Jagdlust fast nur noch in internen Kreisen, z.B. im Internet auf den Jagdforen, geäußert. Als offizielle Begründung taugt sie für die Jäger nichts mehr.

Wer heute in den Wald geht und allein zur eigenen Freude mutwillig Tiere tötet, handelt unvereinbar mit dem ethischen Selbstverständnis einer modernen Gesellschaft. Das ist sogar gesetzlich festgeschrieben. Das Tierschutzgesetz verbietet es, einem Tier ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen. Spaß am Töten ist selbst in der Spaßgesellschaft, in der wir angeblich leben, nicht als vernünftiger Grund anerkannt. Es kommt sogar – aus Jägersicht – noch schlimmer. Spaß am Töten wird heute zunehmend als psychiatrisch relevanter Sachverhalt angesehen.

Es müssen seit einiger Zeit also andere Gründe herhalten, um ein anmutiges Reh in ein Stück Aas zu verwandeln. Aktuell ist die wildbiologische Begründung der Jagd. Demgemäss rechtfertigen die Jäger – und einige bemühen sich, wovon ich nach zahlreichen Diskussionen überzeugt bin, tatsächlich ernsthaft darum, es zu  glauben – ihr Treiben offiziell mit einer angeblichen ökologischen Notwendigkeit, die Regulierung der Wildtierbestände zu gewährleisten. Der Jäger als leider notwendiger Ersatzwolf, so lautet die neue Devise. Dieser Ansatz weist einige grundsätzliche Fehler auf.

Erstens berücksichtigt er nicht, dass Fressfeinde nur einer von vielen Faktoren der Regulierung einer Wildpopulation sind. Deren Größe wird weit stärker durch andere Faktoren wie zum Beispiel den Lebensraum, das Nahrungsangebot und den parasitären Befall bestimmt. Zweitens haben wir es gerade den Jägern maßgeblich zu verdanken, dass größere Beutegreifer in Deutschland praktisch ausgerottet sind. Wo sie sich vereinzelt wieder ansiedeln, wie etwa Wölfe in Sachsen, fordern starke Stimmen aus der Jägerschaft nicht etwa ihre Unterstützung und Vermehrung, sondern -  ihre Bejagung. Offenbar hängen die angeblich notwendigen Ersatzwölfe so stark an ihrem Hobby, dass sie es auf die Tierarten ausdehnen möchten, die sie angeblich leider ersetzen müssen. Um diese Logik zu verstehen, benötigt man vermutlich einen Jagdschein. Wesentlich einfacher ist die Erklärung, dass die Jäger den Wolf als ein Lebewesen ansehen, das mit ihnen um die Jagdbeute konkurriert. Damit lässt sich aber die Devise vom ökologisch leider notwendigen Ersatzwolf überhaupt nicht vereinbaren.

Sicher kennen viele von Ihnen den einen oder anderen Jäger. Urteilen Sie selbst. Handelt es sich um Menschen, die zur Förderung des Gemeinwohls eine schwere Aufgabe übernommen haben? Menschen, die dafür nicht nur kein Geld erhalten, sondern völlig uneigennützig auch noch aus eigener Tasche erhebliche Summen in ihre Jagdausrüstung investieren? Menschen, die – das ist, wie wir gesehen haben, ganz wichtig – nicht etwa Spaß am Töten empfinden, sondern den blutigen Rehkadaver mit Tränen in den Augen zum allradangetriebenen Auto tragen? Menschen, die die - angebliche - Notwendigkeit ihrer Gewaltausübung immer wieder bestürzt und betroffen macht? Nun, die ausgelassenen Feiern nach erfolgreichen Jagden und die Berichte in den Jagdzeitschriften vermitteln ein völlig anderes Bild. Welcher psychisch gesunde Mensch mit einer Abneigung gegen das Töten würde sich auch freiwillig gerade ein solches teures und blutiges Hobby aussuchen?

Untersuchen wir trotzdem die Scheinbegründung über die ökologische Notwendigkeit der Jagd, über den menschlichen Jäger als leider notwendigen Ersatzwolf, noch etwas genauer. Kürzlich gab es eine Talkshow, an der u.a. Karl-Heinz Funke teilnahm. Funke war früher Landwirtschaftsminister in Niedersachsen und anschließend Bundeslandwirtschaftsminister. Er ist ein äußerlich gepflegter, sehr wohlbeleibter älterer Herr um die sechzig, der selbst jagt, also einer der angeblich notwendigen Ersatzwölfe. Wölfe sind wie alle größeren Beutegreifer evolutionär darauf programmiert, möglichst risikolos und energiesparend zu jagen. Hierbei helfen ihnen Sinne, die denen von Herrn Funke bei weitem überlegen sind. Mittels dieser Sinne nehmen sie durch kleinste, für uns nicht erkennbare Anzeichen kranke oder sonst geschwächte Tiere wahr, die als verhältnismäßig leichte Beute in Betracht kommen. Der natürliche Jäger entfernt angeschlagene Tiere aus dem Naturkreislauf. Er fördert damit die Gesunderhaltung der betroffenen Art und beugt erblichen Degenerationen vor. Durch die Verfolgung testet der Beutegreifer die Fitness des Beutetieres. Das schnelle und gewitzte Reh kann dem Wolf entkommen.

Zurück zu Herrn Funke. Nehmen wir an, er habe sein beeindruckendes Bäuchlein ächzend auf einen Ansitz gehievt. Dort wartet er, bis ihm ein Reh vor die Flinte läuft. Dann macht er einen Finger krumm. Einen Moment später ist das Reh tot, verletzt oder verschwunden. Über seine Fitness wusste Herr Funke, abgesehen von den seltenen Fällen offensichtlicher Beeinträchtigungen, nichts. Durch Verfolgung testen kann er den Zustand seiner Opfer ohnehin nicht, falls diese sich schneller bewegen als Weinbergschnecken. Dafür reicht nämlich seine eigene Fitness nicht aus. Wo der Wolf zur Sicherung des eigenen Überlebens ökologisch sinnvoll selektiert, tritt der Hobbyjäger als ein blinder Sensenmann auf, der auch völlig gesunde Tiere und wertvolles Erbmaterial vernichtet.

Lassen Sie mich einige Sätze aus dem hervorragenden Buch „Noahs Erbe“ von Richard David Precht zitieren, die die Verlogenheit der ökologischen Begründung für die Jagd beeindruckend verdeutlichen. Precht schreibt:

„Wenn es den Jägern mit dem ökologischen Auftrag wirklich Ernst wäre, bestünde der Sinn der Jägerei in nichts anderem als der Abschaffung ihrer Notwendigkeit. Die größte Freude des Jägers wäre dann das intakte natürliche Gleichgewicht, das ihn davon bewahrte, seinem ungeliebt blutigen Handwerk nachgehen zu müssen. Wie jeder Bundeswehrsoldat genötigt wird, seinen Job zu quittieren, sobald sich herausstellt, dass er das Töten liebt, so gälte das gleiche auch für den Jäger. Spießgesellen, die allen Ernstes Freude am Tiertod empfänden und nicht abgrundtiefes Bedauern, gehörten aus jeder Zunft ausgeschlossen. Aus dem gleichen Grund müsste jeder um das ökologische Gleichgewicht besorgte Jäger befürworten, dass sich die natürlichen Feinde des Wildes wieder ausbreiten oder wieder angesiedelt werden. Immerhin tragen auch sie dazu bei, ihm die Drecksarbeit abzunehmen, notgedrungen als Metzger des Waldes zu fungieren. Was heute noch wildes Geschrei gegen die „Raubtiere“ Fuchs, Marder, Wolf und Habicht ist, wandelte sich in eine bisher ungekannte Freude über den Nutzen zusätzlicher biologischer Regulatoren.“

Was also ist von der Glaubwürdigkeit der Jäger zu halten, die eine Freude am Töten bestreiten und sich auf angebliche ökologische Notwendigkeiten berufen? Von der Glaubwürdigkeit von Jägern, die die Begründung für ihr Treiben radikal geändert haben, ohne dabei ihr Verhalten nennenswert zu ändern? Von der Glaubwürdigkeit von Jägern, die über ihre grüne Loden den Deckmantel des Umweltschutzes gestreift haben, dabei aber ökologische Zusammenhänge entweder nicht kennen oder krass missachten? Von der Glaubwürdigkeit von Jägern, denen es angeblich um Begrenzung von Wildpopulationen geht, die sie in Wirklichkeit aber in harten Wintern durch Mästung mit Kraftfutter vor einer natürlichen Verringerung schützen, um im nächsten Jahr wieder reiche Beute machen zu können? Von der Glaubwürdigkeit von Jägern, die als angebliche Umweltschützer ungezählte Tonnen giftigen Bleis in die Natur und insbesondere in Gewässer ballern oder Fuchsbauten mit Giftgas ausräuchern? Von der Glaubwürdigkeit von Jägern, die in Gefangenschaft erbrütete Tiere wie Fasane und Enten aussetzen, um sie dann zwecks Superernte an Waidvollzugsstätten wie Wald und Teich abzuknallen? Urteilen Sie selbst, informieren Sie sich über die allgemein zugänglichen Quellen und fragen Sie den Jäger Ihres Vertrauens. Hier kämpft eine kleine, selbsternannte Elite, die bizarre Rituale pflegt und der weniger als 0,5 % der deutschen Bevölkerung angehören, verzweifelt um den Erhalt ihrer exklusiven Rechte auf gewaltsame Nutzung unserer aller Mitwelt. Redlichkeit in der Argumentation ist unter diesen Umständen nicht zu erwarten.

Im Landkreis Leer in Niedersachsen sind die begangenen Rabelvogeltötungen das jüngste Beispiel für den von Jägern angezettelten Irrsinn im Umgang mit Natur. Nicht die Rabelvögel dezimieren den bodenbrütenden Vogelbestand, sondern eine mit Mist und Gülle betriebene extensive Landwirtschaft, die diesen Vögeln ihren Lebensraum nimmt. Tierpopulationen, die deshalb unter eine bestimmte Grenze ihrer Reproduktionsfähigkeit sinken, können sich nicht mehr erholen. Die Tötung der Rabenvögel war ein grausames Ablenkungsmanöver der Schuldigen, die nicht für halb so dumm gehalten werden können, wie sie es verdienen. Dafür umso verschlagener, da sie mit Hilfe des Präsidenten des niedersächsischen Landesjagdverbands, Prof. Pohlmeier, der – man fasst es kaum - ein Wildbiologe ist, ein pseudowissenschaftliches Projekt aufzogen. So konnte man sich als Retter der in Not befindlichen Wiesenvögel aufspielen und gleichzeitig seine Lust am heimtückischen Einfangen und grausamen Erschlagen der unschuldigen Rabenvögel ausleben.

Man darf sich von der Jägerschaft nicht täuschen lassen. Auf unserer Seite befinden sich genug Experten, Wissenschaftler, und auch ehemalige Jäger. Letztgenannte haben sich von der Jagd verabschiedet, weil sie deren generellen Unsinn erkannt haben – nicht zuletzt deshalb, weil sie noch Mitgefühl für ihre Opfer verspürten und rechtzeitig vor ihrer völligen Verrohung aus dem blutigen Spaßgeschäft Hobbyjagd ausgestiegen sind. Solche Menschen verdienen unsern höchsten Respekt, während wir den Rest der Jägerschaft gerne der Psychiatrie anempfehlen. Wir haben es, ganz unabhängig vom Bildungsgrad, bei Jägern mit seelisch defizitären Personen, in Wahrheit mit Schwächlingen zu tun, die ihren Lustgewinn daraus ziehen, dass sie sich ungehindert an wehrlosen Geschöpfen vergreifen dürfen.
Denn wie sagte schon Theodor Heuss zu Recht:

„Jagd ist eine Nebenform menschlicher Geisteskrankheit!“

Das Tierrechtsbündnis Berlin-Vegan vertritt natürlich auch bei der Jagd eine klare und unmissverständliche Position: Wir erteilen der allgegenwärtigen menschenunwürdigen Gewalt gegen Tiere eine klare Absage. Mit Gewalt gegen Tiere lassen sich von Menschen verursachte Probleme nicht lösen. Daher müssen die Menschen, nicht die Tiere, ihr Verhalten ändern. Wir treten für nachhaltige Lösungen ein, die diesen Namen verdienen, nicht für Lösungen, die Probleme eher nachhaltig verschleiern als lösen, und nicht für halbherzige und falsche Lösungen wie Jagdgesetzreformen. Wir sind nicht für eine Therapie in Form von Reform, welche die Ursache der Krankheit ausspart und statt dessen sich verschlimmernde Symptome zu kurieren versucht.


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25.06.07 17:45 Alter: 5 yrs
Kategorie: Diverses

Von: BMH