Zum 5. Todestag von Barry Horne im Nov. 2006
"Wir kämpfen nicht für uns,
Nicht für unsere persönlichen Bedürfnisse.
Wir tun es für jedes Tier,
Welches in den Versuchslaboren leiden und sterben musste.
Und für jedes Tier, welches dort leiden und sterben wird,
Bis wir dieses böse Geschäft beenden werden.
Die Seelen der zu Tode Gequälten
Schreien nach Gerechtigkeit,
Die Lebenden schreien nach Freiheit.
Die Tiere haben niemanden außer uns -
Wir werden sie nicht enttäuschen."
Barry Horne (1952/2001),
September 1998.
Barry Horne - dieser Name fällt oft im selben Atemzug mit Keith Mann, Dave Callender oder anderen TierrechtlerInnen, die wegen ihrem selbstlosen Einsatz für nicht-menschliche Tiere Gefängnisstrafen absitzen müssen oder mussten. Und dennoch weckte er ein weltweit größeres Medieninteresse als alle anderen - immerhin trat er während seiner Zeit im Gefängnis dreimal in den Hungerstreik. Der Dritte sollte sein letzter sein - Barry starb am 05. November 2001. In den Medien wurde er meist als 'Spinner' abgetan, der für Tiere sein Leben auf's Spiel setzt, von der weltweiten Tierrechtsbewegung hingegen als Märtyrer gefeiert. Doch wer kennt den wirklichen Barry Horne? Wie sah er sich selbst und sein Handeln?
Wer war Barry Horne?
Über die Zeit vor seinem Kampf für die Rechte der Tiere ist nur wenig bekannt. Geboren wurde er am 17. März 1952. Tiere waren für den ehemaligen Müllmann den größten Teil seines nur 49-jährigen Lebens nicht sonderlich interessant. Er hasste sie nicht, setzte sich aber auch nicht sonderlich für sie ein. Eine Fernseh-Dokumentation über Tierversuche sollte sein Leben jedoch schlagartig umkrempeln. Sozusagen über Nacht wurde Barry zum Veganer und entschlossenen Kämpfer für die Tiere.
"Er hatte ein weiches Herz, konnte Gewalttätern gegenüber aber auch richtig wütend werden - sei es Rassisten oder Tierausbeutern gegenüber ", erzählt Tim (Name von der Redaktion geändert). Durch Barrys Venen floss von Anfang an die pure Energie. Er war nicht einer von den Personen im Hintergrund, er war immer mit an der Front. "Oft war er frustriert wegen der laxen Einstellung mancher Tierrechtler, meinte, sie würden sich nicht genügend einbringen", erzählt die Tierrechtlerin Sally W. aus Coventry. "Er stellte hohe Erwartungen. Er führte sich und anderen immer wieder vor Augen, dass genau jetzt - in diesem Moment - Tiere getötet werden. " Daran erinnert sich auch die langjährige Tierrechtlerin Nancy Phipps: "Die einzigen Situationen, in denen ich Barry böse erlebte, waren die, wenn er auf Tierrechtler traf, die zum Beispiel nicht auf eine Demo gingen und dafür irgendwelche dummen Ausreden anbrachten. "Die Tiere haben keine Wahl - und sogar noch eine kleinere mit Leuten wie dir", hörte ich ihn mehr als einmal sagen." Barry nahm seinen Einsatz für Tierrechte sehr ernst und wünschte sich, dass jedeR TierrechtlerIn ihn so ernst nimmt. Wo immer er sich für Tiere einsetzen konnte, tat er es. "Ich war lange Jahre ein Freund von Barry", erzählt Nancy. "Wir wurden in den späten 80-er Jahren Freunde, obwohl ich ihn schon einige Zeit länger kannte. Wir hatten in dieser Zeit nicht miteinander gesprochen, aber durch die Zusammenarbeit zwischen der Coventry- und der Northampton-Gruppe kannten wir uns. Barry war immer da - auch wenn ich mich nicht erinnern kann, dass er jemals gesprochen oder gar mit jemandem einen Witz gemacht hat. Ich war mir sicher, dass er viele Freunde hatte, aber er war - sei es bei einem Treffen oder einer Demo - eher der ruhige Mensch, von dem niemand groß Notiz nimmt." Barry war nicht der Mensch für einen gemeinsamen Abend unter Freunden. Vielleicht dachte er, schon genügend Zeit mit so etwas verschwendet zu haben. Aber mensch musste nur das Wort 'Tierbefreiung' erwähnen und seine Augen begannen zu funkeln. Doch auch bei Aktionen übernahm Barry eher den stillen Part. "Typisch für Barry war, dass er die ganze Zeit stumm blieb, sich den Plan für eine Aktion anhörte, mit einem Minimum an Worten ein paar praktische Tipps beisteuerte und die Sache dann einfach anging - still, entschlossen und mit vollem Einsatz", erzählt Tim. Barry sei jedoch eine Quelle der Inspiration und Energie gewesen." Da trägst du eine Kiste befreite Tiere nach der anderen über matschige Felder, bist körperlich total am Ende, doch dann zieht dich Barry mit seiner Energie wieder mit."
Eines Tages wurden Barry und zwei weitere Tierrechtler wegen einer Aktion festgenommen. Das Gericht ordnete Untersuchungshaft im Bedford-Gefängnis an. "Einer der beiden anderen war Gari, der Lebensgefährte meiner Tochter Lesley", erzählt Nancy. "Drei Leute kamen zu Besuch, doch niemand kam, um Barry zu sehen. Ich konnte nicht gehen, ohne auch Barry einen Besuch abzustatten - auch, wenn ich ihn (damals) irgendwie nicht leiden konnte. Ich war ziemlich nervös und fragte mich, wie ich wohl die viertelstündige Besuchszeit bei einem solch mürrischen Mann rumkriegen würde. Dabei war all die Sorge umsonst. Die viertel Stunde flog an uns vorbei, wir verstanden uns von Anfang an prächtig. Ich erkannte, dass Barry eine total anderer Mensch war, als der, für den ich ihn hielt. Er war lustig, freundlich, relaxt und sehr interessant."Seit diesem Besuchstag waren Nancy und Barry enge Freunde. "Barry sprach mit mir über seine Familie, seine Vergangenheit und wie er in die Tierrechtsarbeit involviert wurde. Er sprach über seine starken Gefühle für Tiere - und, wenn ich das hier anmerken darf, seine noch stärkeren Gefühle gegen deren Ausbeuter", erzählt Nancy. "Er liebte es, mir von den direkten Aktionen, an denen er teilgenommen hatte, zu erzählen. Und auch von denen, die trotz sorgfältiger Planung schief gingen. Aber er tat dies immer wieder auf eine witzige Art und Weise - er konnte mich immer zum Lachen bringen."
Manchmal gingen die Aktionen aber auch restlos schief - am 05. Dezember 1997 wurde Barry wegen mehrerer Brandanschläge und anderer direkter Aktionen zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt. Dies war die längste Gefängnisstrafe, die jemals gegen einen Tierrechtler verhängt wurde. Barry hatte für einige Aktionen die Verantwortung übernommen, bei anderen bestritt er bis zuletzt seine Teilnahme. Außerdem betonte er mehrfach, zu keinem Zeitpunkt Lebewesen verletzt oder deren Verletzung geplant zu haben. Obwohl der Richter ihm dies glaubte und auch erkannte, dass es sich bei den Zielen der Aktionen stets um Firmengebäude und nicht um Wohngebäude handelte, fällte er dieses harte Urteil. "Die meisten Mörder und Vergewaltiger werden zu einer kürzeren Gefängnisstrafe verurteilt ", schrieb auch der Newsletter der britischen Animal Liberation Front Supporters Group.Barry nahm das Urteil an, winkte den TierrechtlerInnen im Gerichtssaal und den protestierenden MitstreiterInnen vor dem Gerichtsgebäude mit dem Wissen, dass sie ihn nicht vergessen sondern ihn von draußen unterstützen werden. Seitdem er die Fernsehdokumentation über Tierversuche gesehen hatte, war die Vivisektion der größte Dorn in seinem Auge. Der Gedanke, dass die Labour-Partei nur aufgrund ihrer Wahlversprechen in Sachen Tierschutz gewann, aber keines der Wahlversprechen einlöste, weckte in ihm die Idee eines Hungerstreikes.
"Er wusste, dass er die Kraft und Entschlossenheit hatte, einen Hungerstreik durchzuziehen - wenn nötig bis ans Limit", erzählt Tim. "Es war ihm klar, dass es kein Zurück geben würde, wenn Tony Blair sein Versprechen, eine Tierversuchs-Kommission einzurichten, dennoch nicht einlösen würde. Es läge also in dessen Händen, ob sein Tod bei allen anderen tierlichen Opfern eingereiht werden würde oder nicht." Für viele TierrechtlerInnen war es sonderbar, dass Barry sich in Verbindung mit Politik brachte. Auch Nancy wunderte sich: "Barry dachte, Tony Blair sei ein ehrlicher Mann (welch ein dummer Gedanke) und dass die Regierung ihm zuhören müsste, wenn er nur konsequent weiter mache." Bald wurde jedoch klar, dass Barrys Vision viel weiter ging. Er wollte der Tierrechtsbewegung verdeutlichen, dass der Kampf für die Rechte der Tiere immer auch Opfer fordern wird. Und er zeigte mit seinem Hungerstreik, dass er bereit war, das ultimative Opfer zu bringen.
Nachdem Barry Horne bereits sechzig Tage keine feste Nahrung zu sich genommen hatte, erklärten sich Abgesandte Tony Blairs bereit, mit Barry Hornes Kampagnen-Leitung zu sprechen. Barrys Gesundheitszustand verschlechterte sich zu der Zeit rasend schnell. Die Ärzte hatten ihn bereits mehrfach aufgegeben. Am 66. Tag des Hungerstreikes ließ Kerry Pollard von der Labour-Partei per Telefax mitteilen, dass das Parlament zu einer Diskussion bezüglich einer Tierversuchs-Kommission zusammenkommen werde. Barry, nur noch Haut und Knochen, hatte an diesem Tag jedoch einen Kollaps erlitten, halluzinierte und wurde auf die Intensivstation des Gefängniskrankenhauses verlegt. George Howarth, der für Tierversuche zuständige Minister, trat, nachdem Pollards Nachricht die Runde machte, sogleich vor die Presse und erklärte, es handele sich bei Barry Hornes Hungerstreik um einen Streich - die Regierung habe keinerlei Versprechungen gemacht, sei nicht mit Barry in Verhandlungen getreten und werde diese auch nicht in Angriff nehmen.
"Irgendwann wusste Barry, dass er diesen Kampf verlieren würde", erinnert sich Nancy. "Er gab zu, sich vor dem Sterben zu fürchten, gegen das er versuche anzukämpfen. Viele Male verließ ich ihn und dachte, ihn niemals wieder zu sehen. Als ich ihn das letzte Mal sah, erzählte er mir, dass er am Vorabend beinahe gestorben sei. Er erzählte, er sei in einem langen, dunklen Tunnel herumgetrudelt und er habe ein helles Licht und Jill am Ende des Tunnels gesehen." Jill ist eine Tochter von Nancy Phipps, die am 01. Februar 1995 bei einer Demonstration gegen Tiertransporte in Coventry von einem der LKWs erfasst und getötet wurde. "Manche Menschen nennen mein Liebling Jill eine Märtyrerin. Doch Jill plante niemals zu sterben. Sie wurde vom Staat getötet. Auch Barry wurde von der Blair-Regierung getötet, doch war er wirklich dazu bereit, sein Leben zu opfern."
Quelle: http://www.tierrechtsgefangene.de



