Artikel zu Fleisch aus Berliner Zeitung von 2000, aktueller denn je
Die Schamfalle - Weil wir bei toten Tieren wegsehen, verwahrlost die Fleischindustrie immer mehr
von Harald Jähner, Berliner Zeitung, 15.12.2000
Nun hat Coetzee eine soeben im Fischer Verlag erschienene Erzählung nachgeliefert, die das Thema deutlicher angeht: Eine Schriftstellerin und überzeugte Vegetarierin kämpft darin in einem Universitätsvortrag gegen die Fleischindustrie. Interessanter als ihre Argumente ist jedoch ihr Gefühl, sie reichten nicht aus: Wie in "Schande" geht es Coetzee auch in "Das Leben der Tiere" um das Gefühl einer generellen Unzulänglichkeit vernünftiger Worte, um auszudrücken, was zwischen Mensch und Tier geschieht, in jenem elementaren Bereich menschlicher Selbstdefinition. Die ältere Dame fühlt sich unter ihren freundlichen Mitmenschen allein mit dem Abscheu vor "dem Verbrechen unvorstellbaren Ausmaßes", das tagtäglich in den Zuchtstationen und Schlachthöfen verübt wird. Sie wird gepeinigt von dem Gedanken, dass genauso, wie die täglichen Gräuel in den Schlachthöfen ignoriert werden, die Deutschen im Dritten Reich von den Konzentrationslagern nichts haben wissen wollen, und zieht in immer neuen Anläufen den Vergleich zwischen Treblinka und Schlachthof.
Man muss Coetzee nicht klarmachen, dass der Vergleich jeden Schlachthofangestellten entsetzlicher beleidigt als die Mörder und Soldaten Vergleiche je einen Bundeswehrsoldaten treffen könnten. Der Vergleich ist ihm selbst nicht geheuer, die Frau wird aus der Perspektive ihres Sohnes geschildert, dem die Überschätzung der "Tierfrage" peinlich ist. Dem Autor geht es um die Entfremdung einer Frau, die sich von der Vernunft verabschiedet, "wenn es die Vernunft ist, die mich vom Kalb trennt", die trotz ihrer philosophischen Belesenheit den Gegnern argumentativ unterlegen ist, aber ahnt, auf der richtigen Spur zu sein, auch wenn sich diese innerhalb unseres Denkens nicht weiter verfolgen lässt.
Ist also unser Denken falsch? Zumindest reicht es nicht weit. Ausgerechnet bei dem, was wir täglich zu uns nehmen, versagt die Vernunft wie bei einem Triebtäter, dessen gute Absichten keine Macht über sein Tun gewinnen. Wir wissen seit langem, dass die intensive Tierzucht nicht nur den Tieren nicht bekommt, sondern auch ihren Konsumenten nicht. Wir essen uns ganz bewusst in die Katastrophe bewusst, aber nicht sehenden Auges. Die Geschichte des öffentlichen Umgangs mit dem Rinderwahnsinn ist wie die gesamte Geschichte der industriellen Fleischproduktion eine des fortwährenden Wechsels von Schocks und von Wegsehen. Scham, eine bis zur äußersten Wirtschaftlichkeit getriebene Rationalität und Gleichgültigkeit gehen darin eine sonderbare Mischung ein, die viel darüber aussagt, wie wenig Denken nützt.
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