Fleisch aus der Retorte in wenigen Jahren?
Künstliches Fleisch aus dem Labor, aus Tierstammzellen hergestellt, ist neben dem Soja- und dem Weizen"fleisch" die größte Hoffnung, dass die Tierqual und die Tierleichenteile durch ethisch akzeptable Lösungen in naher Zukunft zu ersetzen sind. In Anbetracht der ständig steigenden und unbremsbaren Weltbevölkerung (9 Mrd. Menschen werden es bereis 2030 sein) und damit des weiterhin rapide steigenden Fleischkonsums sowie der Gleichgültigkeit des Großteils der westlichen Bevölkerung gegenüber jenem, was sie sich an Nahrung einführen (Hauptsache billig; Gammelfleisch, Gentechnik im Tierfutter, Pestizide, Tierqual oder BSE spielen so gut wie keine bis überhaupt keine Rolle) ist es mehr als je zuvor nötig und muss möglich sein, das Tierfleisch zu ersetzen.
Die Niederlande und die USA sind hinsichtlich der Erforschung und Entwicklung von künstlichem Fleisch federführend. Leider fehlt es hier wie da größtenteils an den nötigen Forschungsgeldern, weshalb die Entwicklung nur langsam voranschreitet.
In den USA gibt es seit 2004 das Projekt New Harvest: Advancing Meat Substitutes (Website in englisch: http://www.new-harvest.org). Dies ist eine Non-Profit-Forschungsorganisation und möchte aus drei Gründen das Tierfleisch so bald wie möglich ersetzen: wg. des Tierschutzes, der Umwelt und der Gesundheit der Menschen. Möge es ihnen möglichst bald gelingen.
Andere Wissenschaftler aus den USA und Holland gaben erfreulicherweise im März 2006 bekannt, dass sie in 5 Jahren Fleisch, das nicht von geschlachteten Tieren stammt, sondern in der Petrischale im Labor gezogen worden ist, in wettbewerbsfähiger Qualität auf den Markt bringen könnten. In kleinen Mengen können aus den Myoblasten der Muskeln von Schwein, Rind und Huhn bereits richtige Fleischstücke im Labor produziert werden, indem chemisch oder mechanisch die Muskelfasern zum rhythmischen Kontrahieren und damit zum Wachsen gebracht werden. Die große Herausforderung ist jetzt, das in einer industriellen Weise entsprechend billig und schmackhaft zustande zu bringen. Das Haupthindernis sind leider auch hier die geringen Geldmittel für das Projekt.
240 Mrd. kg Fleisch verzehren Menschen weltweit im Jahr, davon durchschnittlich 80 pro Kopf in Europa. Der Fleischverbrauch wird sich in den nächsten 10 Jahren weltweit verdoppeln. Dadurch schwankt die Qualität des ausgelieferten Fleisches. Das will der niederländische Tiermediziner Henk Haagsmann von der Universität Utrecht ändern, wie er im Nov. 2006 bekannt gab. Die Vision des Veterinärs ist es daher, "Fleisch zu produzieren, ohne Tiere zu züchten oder zu schlachten."
Stammzellen hätten im Gegensatz zu Körperzellen den Vorteil, dass man sie unendlich reproduzieren kann, ohne Erbinformation zu verlieren. Mit diesen Zellen wäre es möglich, alle Bestandteile von Fleisch nachwachsen zu lassen. Da sich Stammzellen innerhalb von 10-15 Stunden hundertfach verdoppeln ließen, könnte man schnell große und immer größere Mengen von Fleisch produzieren. Für seine auf Nachhaltigkeit basierende Forschung schoss die niederländische Regierung Haagsman 2005 knapp 5 Mio. Euro zu.
20 Jahre könnte es allerdings dauern, bis das erste Stammzellen-Steak auf den Teller kommt. Probleme bei der Forschung bereiten momentan vor allem die Geschmacksstoffe: "Wir wissen noch nicht viel darüber, was den typischen Lamm-, Rinder- oder Schweinegeschmack im Fleisch ausmacht. Aber das ist etwas, was wir erforschen und wir werden etwas tun, um es wie Lamm oder Rind schmecken zu lassen. Wir haben jetzt angefangen Schweinefleisch zu produzieren, aber es ist möglich, Fleisch aus allen Tieren zu machen: Hühner und sogar Fisch."
Sollte Haagsmans Projekt gelingen, würde sich das gewohnte Gefüge in der Fleischindustrie komplett verändern: Die Subventionierung der Fleischproduktion würde eingestellt werden und echtes Tierfleisch eine teure Delikatesse. Der Berufstand des Fleischers würde wahrscheinlich aussterben, was nicht nur nach Meinung unseres Vegankollektivs kein großer Verlust wäre. Einzig der Verbraucher bleibt eine unschätzbare Variable in Haagsmans Rechnung. Diese geht nur auf, wenn es Kunden fürs Kunstfleisch gibt, was aber aufgrund der Gleichgültigkeit der KonsumentInnen wie oben aufgeführt kein Problem darstellen sollte, solange das Fleisch nur schmeck, billig ist und in schönem Schein verpackt ist. Also hoffen wir das beste und helfen wir alle mit, so dass bald kein Tier mehr für den niederen Gaumenkitzel sterben muss!
