Berlin-Vegan: Leserbrief zu Artikel im ND "Preisgegeben an die Hoelle"

Leserbrief zu Artikel im ND "Preisgegeben an die Hoelle"

Zu dem hervorragenden Oster-Artikel von Ingolf Bossenz im Neuen Deutschland mit dem Thema institutionelle Tierverachtung durch die Amtskirchen (http://www.neues-deutschland.de/artikel/125998.html) hat eine unserer Aktivistinnen einen ebenso hervorragenden Leserbrief verfasst.

Die Vernunftseele ist eine dogmatische Konstruktion von Menschen, deren Einfallsreichtum nicht hinter ihrer Grausamkeit zurücksteht. Dies belegt die ohne rosarote Brille betrachtete Kirchengeschichte. Nirgends wurde so viel tierliches und menschliches Blut vergossen wie im Christentum. Was sich heute alles so als Christ bezeichnet, spottet nicht nur den Glaubensbekenntnissen der jeweiligen Kirchen, sondern auch der Vernunft.  Forscht man genauer nach, wie es denn mit der Vernunft der Menschen tatsächlich bestellt ist, so kommt man unweigerlich zum Schluss, dass die vermeintliche menschliche Vernunft bislang ebenso wenig vorhanden ist wie die imaginäre unsterbliche menschliche Seele. Empirisch zeigten sich hingegen als eigentliche Motoren für derlei überhöhte Wahn-Konstruktionen menschliche Ängste, Begierden und Wünsche. Kaum einer, der in einer kulturell konstruierten Hierarchie nicht auch noch nach unten treten will, wo sich die Tiere befinden. Erleichtert wird das etwas Gewissenhafteren dadurch, dass man ihnen blanko das humanum verliehen hat, ohne dass sie es allerdings in vollem Ausmaß besitzen. Denn wer lediglich naturalistisch argumentiert  - aber Tiere töten doch auch Tiere – hat Verschiedenes nicht verstanden. Tiere töten grundsätzlich aus existenzieller Notwendigkeit. Sie erfüllen damit zugleich ökologische Anforderungen und sorgen – auch im Interesse der Beutetiere, denen keine ambulanten Versorgungsstationen zur Verfügung stehen – für einen gesunden Genpool. Nun muss man nur noch vergleichen, aus welchen Gründen Menschen – die sich problemlos und gesund rein vegetarisch ernähren können - töten, wie sie ihre sogenannten Nutztiere halten, wie sie mit ihrer Mitwelt umgehen und welches ökologische Desaster damit heraufbeschworen wird, um zu erkennen, dass Verstand oder gar Vernunft gerade im Umgang mit Tieren nicht vorhanden sind, sondern ganz im Gegenteil nicht das Hirn, sondern der Bauch das Verhalten bestimmt.  

Ein humanes Wesen kennt die Grundsätze praktischer Ethik, wendet sie an und verweigert sich veralteten Traditionen, Ritualen und naturwissenschaftlich nicht haltbaren Hirngespinsten alter machtgeiler Männer der Kirchen und religiöser Institutionen.  Deren Vertreter, die verkünden, dass Tiere zum Nutzen des Menschen da sind oder Tiere, die betäubungslos geschlachtet werden, nicht mehr empfinden als ein Mensch, der sich beim Rasieren leicht schneidet, sind nicht nur Barbaren, sondern auch Spiegel einer Zeit, die ungleichzeitig ist: Eine Kultur, die wider alles bessere Wissen abertausende Jahre alte Irrtümer gegen Tiere hochhält und pflegt ist inhuman in ihrer alles andere ausschließenden Menschentümelei. Sie hat noch nicht begriffen, dass der Mensch auch nur ein Tier ist – der primus inter pares, der aufgrund seiner besonderen Eigenschaften und durch seinen Machtzuwachs zu einem ethischen Verhalten gegenüber schwächeren Mitlebewesen verpflichtet ist. Und dies durchaus auch im eigenen Interesse.
 
Dass die Kirche vor der "Riesenmacht des Heidentums" kapituliert, vermag ich so nicht zu unterschreiben. Die Kirche hat das Heidentum übernommen und lediglich in ein neues Gewand gehüllt. Nichts ist originär im Christentum. Weder die Jungfrauengeburt, noch Jesus Christus als Erlöser, noch die Auferstehung nach drei Tagen u.dgl. mehr. Die religiösen Institutionen hängen machtvoll am über alles geliebten Gelde, erhält es doch die Macht und den Einfluss in korrupten Systemen, und das ist der eigentliche Grund ihrer substantiellen Verlogenheit und ihrer historisch nicht haltbaren Kindermärchen, die sie naiven und (zahlenden!) Kirchgängern weiterhin erzählen. Und diese lassen sich lieber sentimental einlullen, als dass sie nachdenken und nachprüfen, so z.B. durch die Lektüre der Kirchenkritiker, allen voran Karl-Heinz Deschner mit seinem grandiosen Aufklärungswerk "Kriminalgeschichte des Christentums". Diese Kuschelchristen benehmen sich nicht anders als die Gammelfleischesser oder die drei berühmten Affen und legen damit ein armseliges Zeugnis ihrer sogenannten Vernunft ab.

In diesem Zusammenhang sollte auch einmal bekannt werden, was es mit dem hochgelobten Franz v. Assisi tatsächlich auf sich hat. Er ließ sich mit seinem Bettelorden von Innozenz III., einem der fürchterlichsten Päpste der Kirchengeschichte, und sie sind fast durchweg alle fürchterlich, zur "Ketzer"-Verfolgung einsetzen. Der gute Franz liebte die Tiere nicht um ihretwillen, sondern weil er in ihnen Symbole des Christentums sah, so z.B. die Haubenlerche als Symbol für das Mönchtum, das Schaf als das Lamm Gottes, usw. Andere Tiere, die sich damit nicht identifizieren ließen, verachtete er, so die Ameisen, weil sie entgegen Gottes Vorsehung Wintervorräte sammeln. Die Kirche hält Franz hoch, weil er im 13. Jahrhundert neben den Dominikanern als ihr Retter gegen starke antiklerikale Bewegungen, wie die den Reichtum und die Prunksucht der Kirche verachtenden, vegan lebenden (christlichen) Katharer, auftrat. Der gehorsamswillige und sich der Machtkirche unterordnende Franz und sein Orden halfen bei der Vernichtung der "Ketzer" tatkräftig mit. Solche Menschen wie Franz kann die Kirche dann je nach ihren zeitbedingten wetterwendisch-politischen Zwecken mal für ihre eigene Rettung, dann für Umweltschutz einsetzen.

Heute kann man davon sprechen, dass unser Staat gerade bei maßgeblichen politischen und administrativen Kräften kirchlich-religiös durchseucht ist und es wegen der frühkindlichen Weitergabe kirchenchristlicher Werte und Anschauungen im Volk zu keiner grundlegenden Einsicht in die Machtmechanismen kommen kann. Im Gegenteil: Taufe, Beschneidung und derlei Initiationsrituale werden an Unmündigen vollzogen, denn bei erwachter Kritikfähigkeit wird eine Vereinnahmung umso schwieriger. Das wissen die Herrschaften, und deshalb gibt es den frühen Zugriff. Tierfreundliche Theologen sind nicht nur in einer absoluten Minderheit, sondern stehen auch der Schwierigkeit gegenüber, in sogenannte heilige und unverfügbare Texte entgegen eindeutiger Wortlaute nachträgliche ethisch höherstehende Erkenntnisse hinein zu interpretieren. Da die Kirche weiß, dass jegliche Änderungen ihr gesamtes sorgsam auf ihre Bedürfnisse gebasteltes Glaubenssystem zum Einsturz bringen würde, belässt sie es lieber bei ihren Irrtümern und verkauft sie diese dem unkritischen Volk weiter als göttliche Wahrheiten. So kann jeder aus der Bibel herauslesen, was ihm gefällt. Von göttlichen Vernichtungsorgien bis duldsamen menschlichen Lämmern, die allesamt in eine feste göttliche Hierarchie eingebunden sind, findet jeder seinen ihm zugewiesenen Platz in der biblischen Hackfleischreihe zugleich mit der Vertröstung aufs Jenseits.

Und so hat sich die machtvolle Amtskirche schon immer gemein gemacht – auf Kosten der Schwächsten, und das sind vor allem die völlig wehrlosen anderen Tiere. Und so lässt sich auch menschliches "Schicksal" immer noch leichter (und ohne Rebellion gegenüber den Ausbeutern!) ertragen, wenn unter einem noch einer ist, der noch weniger Rechte hat und mit dessen Ausbeutung es nach dem Willen der Kirchen nichts weiter auf sich hat. Die große Vertrösterin kennt ihre denkfaulen, autoritätsgläubigen und tradiert-genusssüchtigen Pappenheimer und weiß sehr gut, was und wem sie ihnen zum Fraß vorwerfen muss, damit sie nicht selbst gefressen wird.