Beschwerde gegen die Europaeische Chemikalienstrategie REACH
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P. Nikiforos Diamandouros
Europäischer Bürgerbeauftragte
1, avenue du Président Robert Schuman
B.P. 403
F - 67001 Strasbourg Cedex
T. (33) 3 88 17 23 13 - 3 88 17 23 83
Fax (33) 3 88 17 90 62
Sehr geehrterr Herr Diamandouros.
In Ihrer Funktion als Buergerbeauftragter der EU bitte auch ich Sie darum, die unten angefuehrte Beschwerde an das Europa-Parlament weiterzuleiten. Urspruenglich hatten sich die Urheber der Beschwerde an den Europaeischen Gerichtshof fuer Menschenrechte gewandt, aber nach anwaltlicher Beratung ist dieser fuer die Beschwerde wohl nicht zustaendig.
Mit tierfreundlichen Gruessen
An den
Kanzler des Europaeischen Gerichtshofes fuer Menschenrechte
Europarat
F-67075 Strasbourg-Cedex
Hiermit erheben wir Beschwerde gegen die europaeische Chemikalienpolitik. Eingedenk der Europaeischen Richtlinie (EWG)86/609, in der sich die Europaeische Staatengemeinschaft verpflichtete, die Anzahl der Tierversuche bis zum Jahr 2000 auf die Haelfte zu verringern. Jedoch ist dieses bisher in keinem Staat der Gemeinschaft umgesetzt worden. Es hat dafuer keine Sanktionen gegeben, falls ueberhaupt irgendwelche Sanktionen vorgesehen waren.
Im Gegenteil - es wurde seit dem Jahr 2003 ueber eine gemeinsame Europaeische Chemikalienstrategie beraten, kurz REACH genannt, in der Altchemikalien erneut oder erstmals getestet werden sollen, die bereits seit 20 Jahren oder laenger im Handel sind. Wohl wissend, das die Umsetzung von REACH die Anzahl der Tierversuche unermesslich ansteigen lassen wird. Wissenschaftler und Tierschutzverbaende schaetzen, dass dafuer 20 – 45 Millionen Tiere durch toxikologische Tests sterben werden. Tests, deren Ergebnisse keinesfalls einen Schutz fuer unsere Umwelt und fuer uns Menschen bedeutet, da die verschiedenen Tierspezies zwar als Messinstrument fuer schleichende Vergiftung und die toedliche Dosis eines Giftes, bzw. einer Chemikalie festhaelt, auf den Menschen aber keine Anwendung hat, da schon zwischen den einzelnen Spezies gravierende Unterschiede der toxikologischen Wirkung besteht. Der gebraeuchliche Test um die toxikologische Wirkung aller neu auf den Markt kommenden Substanzen zu testen, ist der auch durch namhafte Wissenschaftler kritisierte LD- 50 Test.
Bei dem sogenannten LD50-Test wird eine Substanz in verschiedenen Dosen, meist an Ratten oder Mäusen, aber auch Hunden oder Affen per Magensonde verabreicht. Je nach Menge des verabreichten Giftes winden sich die Tiere stunden- oder gar tagelang in Krämpfen, sie leiden an Durchfall, Fieber, Schüttelfrost oder Lähmungen. Die Tiergruppe mit der höchsten Dosierung stirbt zuerst, während die Tiere, die eine niedrigere Dosis erhalten haben, länger überleben. Es wird nun diejenige Menge einer Substanz ermittelt, bei der genau die Hälfte der Tiere stirbt. (LD50 = tödliche Dosis bei 50% der Tiere). Es werden 4 bis 5 Dosierungen an je 10 Tieren getestet, d.h. pro Substanz sterben 40 bis 50 Tiere einen qualvollen Tod. Dieser Test ist nicht nur äußerst grausam, sondern auch völlig unbrauchbar und gewährt längst nicht die nötige Sicherheit für den Verbraucher. Individuelle Unterschiede hinsichtlich der Empfindlichkeit und Konstitution der einzelnen Tiere sowie Alter, Geschlecht, Haltungsbedingungen, Ernährung, Zuchtlinie usw. werden bei dieser Art der Risikoprüfung außer Acht gelassen.
Der LD50-Test wird von zahlreichen Rechtsvorschriften verlangt, so auch seit 1987 von den Richtlinien der weltweiten Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), der praktisch alle Industrienationen angehören.
In den 90er Jahren wurden 3 validierte Alternativverfahren von der OECD anerkannt und die Richtlinien entsprechend geändert. Dennoch wird der klassische LD50-Test immer noch – auch in Deutschland – routinemäßig durchgeführt. Grund ist der globale Handel. Für Produkte, die für den Weltmarkt bestimmt sind, werden alle Tierversuche gemacht, die irgendwo auf der Welt verlangt werden.
Bei den drei Alternativen handelt es sich ebenfalls um Tierversuche, allerdings werden weniger Tiere vergiftet oder das Leid der Tiere wird vermindert. Bei der Acute Toxic Class Method und der Up and Down Procedure wird die Giftklasse schrittweise ermittelt. Je nach Wirkung wird die Dosis gesenkt oder erhöht. So müssen pro Substanz „nur" 6-12 Tiere sterben. Bei der Fixed Dose Procedure wird die Dosierung nicht weiter erhöht, wenn schon bei niedrigen Dosen Vergiftungserscheinungen auftreten. Auch dieses Prozedere ist aus ethischen Gruenden keineswegs zu akzeptieren. Bei weiteren kanzerogenen Tests werden den Tieren giftige Substanzen ueber die Haut und die Atemwege verabreicht.
Kritische Stimmen von Wissenschaftlern:
Nur jeder 50. Tierversuch mit neuen Medikamenten ist auf den Menschen übertragbar (von Silvia von der Weiden, 17. Mai 2006)
25/06/06 10:14
Besonders bei komplexen Erkrankungen versagt das Tiermodell - Experten kritisieren die heutigen Testmethoden
Die Entwicklung von Medikamenten ist ein doppelt riskantes Unterfangen: Zum einen schaffen es viele Wirkstoffe nach teurer Erprobung nicht auf den Markt. Das zeigt aber auch der Ausgang eines Tests, bei dem sechs gesunde Männer einen Wirkstoff zur Behandlung von Leukämie, Arthritis und multipler Sklerose testeten. Unmittelbar danach erlitten sie schwerste Nebenwirkungen. Zuvor war der Wirkstoff an Zellkulturen, Kaninchen und Affen getestet worden, "ohne daß es Hinweise auf ein solches Risiko gegeben hätte", beteuert das Unternehmen.
Für die marktreife Entwicklung kalkuliert die Pharmaindustrie mit Investitionen in dreistelliger Millionenhöhe. Von ersten Tests im Reagenzglas über präklinische und klinische Studien bis zur Zulassung braucht es durchschnittlich zwölf Jahre Zeit. Das Risiko eines Totalverlustes ist dabei hoch: Nur einer von 10 000 Wirkstoffen schafft es bis zum Medikament. Immer öfter stellen Forscher fest: Was im Tiermodell funktioniert, muß noch lange nicht beim Menschen Erfolg zeigen. An keiner Stelle in der Entwicklungskette ist das Risiko eines Rückschlages so hoch. Im Schnitt wird nur einer von 50 präklinischen Ansätzen erfolgreich weiterverfolgt. Angesichts des enormen Erkenntnisgewinns durch die moderne Genforschung scheint das verwunderlich, zumindest auf den ersten Blick.
Kürzlich stellte Susan Greenfield, leitende Pharmakologin an der Oxford University, einen Ansatz in Frage, auf den sich bislang viele Entwicklungen stützen: Tests am Tiermodell. "Auch wenn Maus und Mensch sich 95 Prozent der Gene teilen, scheinen genetisch maßgeschneiderte Tiermodelle gerade bei Erkrankungen mit komplexen Ursachen wenig geeignet", urteilt sie. Dazu zählt sie neben Demenz- auch Immunerkrankungen und Krebs. Die Crux bringt eine Untersuchung des Berufsgenossenschaftlichen Forschungsinstituts für Arbeitsmedizin der Ruhr-Universität Bochum am Beispiel von Krebs auf den Punkt: "Dabei handelt es sich um eine multikausale, komplexe Erkrankung, deren Entstehungsmechanismen seit Jahrzehnten intensiv erforscht werden. Trotz vieler Erkenntnisse sind jedoch die Wirkmechanismen nicht vollständig verstanden." Haben die Forscher die Herausforderungen der molekularen Medizin unterschätzt?
Nicht wenige beschleicht der Verdacht, daß sie zu lange auf Modelle gesetzt haben, die eben diese Komplexität nicht angemessen nachbilden können. Auch dazu nimmt die Bochumer Untersuchung Stellung: "Tiermodelle sind zwar wesentlich komplexer als molekularbiologische Einzeluntersuchungen. So manche physiologische Prozesse sind aber bei Tieren anders als beim Menschen."
Dazu zählen die Forscher neben der Lebenserwartung auch den Lebensstil. Sie schätzen, daß allein 70 Prozent aller Krebserkrankungen durch Faktoren wie Ernährung, Alkoholkonsum oder Streß verursacht werden. Sich gegenseitig beeinflussende Größen, die sich in ihrer Gesamtwirkung im Tiermodell kaum nachbilden lassen.
Wie groß die molekularbiologischen Unterschiede zwischen Mensch und seinem nächsten Verwandten, den Schimpansen, jenseits der genetischen Ebene sind, zeigen Untersuchungen, die Svante Pääbo vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie durchführte. Beide Arten haben 99 Prozent der Gene gemeinsam. Der Forscher interessierte sich jedoch für die von den Genen gesteuerte Proteinsynthese und fand: Im Gehirn sind die Unterschiede viermal größer als auf Gen-Ebene. Für den Neurologen Richard Morris von der Universität Edinburgh ist das Grund genug, an der Aussagefähigkeit von Tiermodellen zu zweifeln: "Die Resultate können in die Irre führen. Manche Firmen konzentrieren sich in ihren Tiermodellen zu einseitig auf die Messung bestimmter Funktionen."
Wie könnten authentische Modelle aussehen? Einen Ansatz bilden Biodatenbanken, wie sie von mehreren Ländern, darunter Estland, Großbritannien und Island, aufgebaut werden. Sie enthalten eine große Zahl menschlicher Blut- und Gewebeproben und verknüpfen molekularbiologische und medizinische Daten von Patienten mit solchen zum Lebensstil.
Der wissenschaftliche Vorteil von Biobanken - ursächliche Bezüge auf verschiedenen Ebenen herzustellen und diese einer Gesamtbewertung zuzuführen - ist aus Sicht vieler Datenschützer zugleich ihr Nachteil. Ihr Argument: Auch wenn Patientendaten anonymisiert werden, läßt sich ein Mißbrauch kaum sicher ausschließen. Noch diskutieren Experten und Politik, wie sich die neuen Herausforderungen des medizinischen Fortschritts am besten bewältigen lassen.
Quelle: http.//www.healthinform.info/de/files/f94dd872b5b086b10cee2e17593da37c-10.html