Leserbrief zu Ihrem Interview mit PeTA
Ausführlicher und sehr guter Leserbrief zu Interview mit E. Haferbeck von PeTa in der Pforzheimer Zeitung: http://www.pz-news.de/kultur/lifestyle/berichte/89070/
Sehr geehrter Herr Huberth,
mit Interesse habe ich Ihr Interview mit E.Haferbeck, PETA, gelesen. Mir fiel auf, dass das Thema Tierrechte Ihrem menschlichen Selbstbild- und Selbstverständnis offenbar Schwierigkeiten bereitet. Sichtbar wurde das an den Begriffen „Auftragsmörder“ bei Fleischkonsumenten, dem Vergleich des Tierproduktekonsumenten mit Mördern und Kinderschändern, und der Peta-Holocaust-Kampagne. Sie sagten, es schüttle sie bei solchen Vergleichen. Besonders der Holocaust-Vergleich sei absurder und historischer Unsinn. „Die Nationalsozialisten haben die Juden aus ideologischen Gründen umgebracht, auch aus der Lust am Töten. Tiere bringen einen Nutzen, sie sind Nahrungsmittel, das Fell spendet Wärme. Ihr Vergleich ist vollkommen unzulässig.“
Sehr geehrter Herr Huberth, Sie verteidigen eine Ideologie, die sich historisch nicht halten kann und nicht halten wird, es sei denn, Menschen haben Spaß daran, sich auch ihr eigenes Grab zu graben. Sie geht schon von einem falschen Naturverständnis aus, weil sie die vermeintlich von Gottes Gnaden gespielte Rolle des Menschen in der Natur fehlinterpretiert und den (menschlichen) Geist über alles stellt. Dieser ideologische Unsinn wird durch die moderne Physik widerlegt, die bewiesen hat, das Geist und Materie dasselbe in lediglich unterschiedlichen Ausprägungen ist. Im Zuge falscher, weil hierarchieverhafteter Ideologien stellt sich der Mensch nicht nur über andere Menschen, sondern auch über Tiere, die im Gegensatz zu ihm eine sinnvolle ökologische Daseinsberechtigung haben. Die Klimaveränderung wird nicht von Tieren verursacht, sondern von Menschen. Die intensive Nutztierhaltung ist einer der Hauptfaktoren, und rangiert noch vor den Schadimmissionen des Transportsektors „Autofahren". Denn auf einem Drittel der weltweit verfügbaren Ackerfläche werden inzwischen Pflanzen fürs Vieh und nicht für Menschen angebaut. Weiden und die Felder, auf denen das Viehfutter angebaut wird, bedecken inzwischen fast 30 Prozent des Festlandes - nicht zuletzt auch da, wo noch vor kurzem Regenwald stand. Die Rodung der Wälder trägt wiederum zur Erderwärmung bei. Rechnet man diesen Effekt mit ein, ist die Viehwirtschaft für 9 Prozent der menschengemachten Kohlendioxid-Emissionen verantwortlich. Viel entscheidender ist jedoch das Methangas, das Wiederkäuer bei der Verdauung freisetzen und das 23-mal so klimaschädlich ist wie CO2. Die Stickoxide, die aus der Gülle entstehen, haben sogar eine 296-mal so starke Wirkung. Dazu kommt noch Ammoniak, das für den sauren Regen mit verantwortlich ist. Tiere werden zur beliebigen Ware degradiert, massenhaft auf immer höhere Leistung gezüchtet und zusammengepfercht. Für die einen ist das der Profit, für die anderen der gewohnte Gaumenkitzel, von dem sie als schwache und zur Dummheit verführte Menschen nicht lassen wollen. Kann man ernsthaft dieses monströse System verteidigen?
Sie meinen, dass E. Haferbeck akzeptiert, dass in der Tierwelt der Stärkere siegt und den Schwächeren frisst und meinen ferner, „Gleichzeitig setzen Sie Tier und Mensch gleich. Wenn sich der Mensch als das stärkere Tier erwiesen hat, dann darf er Ihrer Logik zufolge die Schwächeren fressen. Die Menschen konsumieren immer mehr Bio-Waren. Sie essen Bio-Fleisch, der Verbrauch an Bio-Eiern ist geradezu explodiert. Auch alles Teufelszeug?“
Auch hier benutzen Sie hirnzerbeißenden Ideologiekram in Ihrer Argumentation, und argumentieren fernab aller wissenschaftlichen Erkenntnisse:
1. In der Tierwelt sind sinnvolle Mechanismen im Gang, die eine evolutionäre und damit auch ökologische Berechtigung haben. Tiere sind im Unterschied zum Menschen vollkommen und keine Mangelwesen. Sie tun, was sie tun müssen. Menschen tun eher, was sie sein lassen sollten, wähnen sich aber vernünftig! Ohne die Beutegreifer (syn. Raubtiere) käme es in kürzester Zeit zu Degeneration und damit Krankheiten bei den Beutetieren. Beutegreifer sind die Gesundheitspolizei im Bio-System, sie nehmen damit eine Aufgabe wahr, die Menschen mangels entsprechender Wahrnehmungsfähigkeit nicht erfüllen können. Der freilebenden Beutegreifer Aufgabe und Belohnung ist Fleisch. So einfach ist das!
2. Der Mensch hingegen ist physiologisch weder ein (Bio-)-Fleischfresser, noch ein Allesfresser. Angefangen vom Gebiss bis zum Gedärm läst sich dies einwandfrei nachweisen. Dass der Mensch Fleisch (in Maßen) risikobehaftet verträgt, hat er nur den notwendigen Anpassungsmechanismen, die jedes Lebewesen der Evolution hat, zu verdanken, weil jedes zu unflexible organische System keinerlei Überlebenschance hätte. Es ist wie mit dem Rauchen. Ein bisschen Rauchen schadet nicht, so denken die meisten Raucher. Sie übersehen dabei, dass das Risiko des Rauchens nicht erst ab x-% Konsum beginnt, sondern ab dem Rauchen überhaupt. Ein bisschen Fleisch oder ein bisschen Rauchen kommt daher auf das Gleiche hinaus. Das Risiko zu erkranken, steigt ab dem ersten Bissen Fleisch und mit dem 1.Zug aus der Zigarette. An dieser zwingenden Logik hapert es bei den meisten. Sie glauben daher, dass sie ihre fleischlichen Gewohnheiten beibehalten können, wenn sie nur Bio-Fleisch essen. Gingen wir aber nach der wie oben ausgeführten, nicht haltbaren, weil stark versimplifizierten Beweisführung, dass der Stärkere in der Tierwelt den Schwächeren frisst, müssten Fleischliebhaber die kranken und schwachen Tiere schlachten und fressen. Sie wollen aber genau das Gegenteil – sie wollen sogar BIO und dann sogar noch die Teile vom Tier, die echte Fleischfresser als zweite Wahl nehmen, nämlich das Muskelfleisch! Wenn also das Wort „Teufelszeug“ verwendet wird, dann bitte schon in diesem Zusammenhang, wo das Fleischessen tatsächlich Teufelszeug ist, weil es das Unterste nach Oben kehrt! Für „Nutz“-Tiere ist Biohaltung natürlich erträglicher als Massentierhaltung, jedenfalls bis es zum vorzeitigen Lebensende durch Schlachten geht. Der fleischessende Tierschützer ist daher ein Widerspruch in sich, wird das aber solange nicht begreifen, wie ihm die Herren über die Religionen und andere Wirtschafts-Mächtige weiterhin Flöhe ins Ohr setzen, gerade darum, weil Menschen mit Vernunft weniger gut von oben herab zum eigenen Vorteil regiert werden können.
Man darf Fleischesser nur dann nicht Auftragsmörder nennen, wenn sie zu dumm sind und ihre niedrigen Beweggründe nicht erkennen, weil sie glauben, was ihnen die hohen Herren durch die Historie hindurch eingetrichtert haben, so: Fleisch ist ein Stück Lebenskraft, Fleisch ist gesund, Macht euch die Erde unteran, alles was sich regt soll euch zur Speise dienen, blablabla. Zu durchsichtig, als dass intelligente Menschen den Zweck des Manövers und den Sinn dieser Ideologie nicht durchschauen. Der überzeugende Gegenbeweis gegen die Apologeten des Fleisches wird, auch historisch gesehen, durch sämtliche vegetarisch gesund lebenden Menschen wie Völker geführt.
Zum Holocaust-Vergleich: Der Vergleich ist weder absurder, noch historischer Unsinn. Er zeigt auf, was vor allem vermeintlich neuzeitliche Fleischesser nicht akzeptieren wollen, nämlich die Widerlegung ihrer Ansicht „Tiere bringen einen Nutzen, sie sind Nahrungsmittel, das Fell spendet Wärme,“ sich somit „Ihr Vergleich ist vollkommen unzulässig,“ nicht halten lässt. Stimmen die Prämissen nicht, wie oben gezeigt, ist das Fazit falsch, das Geschrei des angeblich in seiner Würde beleidigten Menschen hingegen groß. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit, müssen nicht mehr mit dem Knüppel losziehen, um überleben zu können, und sollten daher keine Neandertaler-Ethik mehr haben! Tiere sind ihr eigener Zweck, ebenso wie Kinder nicht Zweck ihrer Eltern sind – oder sollten wir auch hier besser sagen, nicht sein sollten, und wie Menschen nicht Zweck anderer Menschen sind! Die Motivationen zu Zwecksetzungen werden bewusst verschleiert! Ideologien, wie die Naziideologie es war, sind erst möglich, wenn Mächtige erneute Überformungen des geschichtlichen Kontinuums vornehmen. Spätestens seit Konstantin d.Gr. wird das im christlichen Abendland offensichtlich. Besondere Ausprägungen finden Sie in der Ära Karls d.Gr., generell in der Karolingerära, deren Spuren bis heute nicht nur tiefenkulturell wirken und die eben in dem Wahn von der vermeintlich berechtigten Überlegenheit des (Herren-)Menschentums auch über die anderen Tiere (!) gründen. Der Schöpfer des Spruchs „Kauft bei keinem Juden“ ist Erzbischof Agobard von Lyon, der Begriff „Ostmark“ wird von König Ludwig aus dem Geschlecht der Karolinger im Jahre 856 geprägt! Als Beispiel, s.Anlage, wie sich menschliche Geschichte aufgrund falscher, von volks- und tierausbeuterischen Herrschaften vorgegebener Folien, die auch neuzeitlich und unwissend ob der tieferen Zusammenhänge unter die eigene Weltanschauung bis hin zu menschlicher Klimazerstörung gelegt werden, entwickelt, mag Ihnen die kurz gefasste Geschichte der abendländischen Sklavenhaltung dienen.
Fleisch hat eine viel tiefere Dimension als Fleischesser das wissen (dürfen)! Gerne bin ich bereit, mit Ihnen in einen Dialog einzutreten.
Mit freundlichen Grüßen