Berlin-Vegan: Leserbrief zu Angeln im Schul-Unterricht

Leserbrief zu Angeln im Schul-Unterricht

Sehr geehrte Damen und Herren Redakteure,

ich bitte um Veröffentlichung meines Leserbriefs zum Artikel "Angeln bald im Stundenplan", MOZ v. 12.2.07.

Es gibt vielerlei, was in Schulen Einzug gehalten hat, und über dessen Auswirkungen heute geklagt wird. Doch wenn Lehrer und Eltern versagen, dann darf man sich über gewalttätige Kids, die keine Abscheu beim Verletzen und Töten von empfindungsfähigen Lebewesen empfinden, nicht wundern. Kinder sind Nachahmer, besonders wenn sie frühzeitig durch Desensibilisierung auf einen falschen Weg gebracht werden. Was Hänschen nicht gelernt hat, lernt Hans nimmermehr oder nur sehr schwer!  Wer schon keine Hemmungen hat, das grausam zur Schlachtbank geführte Vieh zu verspeisen, der hat erst recht kein Mitleid mit Tieren, die ihr Leiden und ihre Schmerzen nicht herausschreien können. Sicher ist es Fischen schon sehr angenehm, wenn der Widerhaken sich durch ihre empfindlichen Schleimhäute bohrt. Angler als die minderen Brüder der Jäger verspüren wie diese keine Scham beim Hinschlachten von Lebewesen. Ob Fried- oder Raub-„Fisch“ - diese Kennung sollte sich der Mensch gerade in Hinblick auf den drohenden Klimakollaps besser auf die eigene Jacke nähen und dann nach seiner ökologischen Daseins-Berechtigung fragen. Unter der Anleitung zu einem humanem Verhalten verstehe ich jedenfalls etwas völlig anderes, als das schöngeredete Gemetzel der Angler unter Fischen schulfähig werden zu lassen. Astrid Lindgren würde sich im Grab umdrehen! 

Astrid-Lindgren-Schule
Grundschule
Dr. Theodor-Neubauer-Straße 3
16303 Schwedt
Tel. 03332/22313
Fax 03332/22313
E-Mail: schwedt@lindgren-schulen.de
Birgit Vörtmann

Sehr geehrte Frau Vörtmann,

aus der MOZ v. 12.2.07 habe ich durch den Artikel "Angeln bald im Stundenplan" entsetzt erfahren, dass von Seiten einiger Lehrer Interesse an einer Kooperation mit dem Anglerverband, Ortsgruppe Schwedt, besteht.

Es beunruhigt mich enorm, dass die Lobbygruppe der Angler bei Grundschulkindern (!) für eben dieses Tun und für sich werben darf. Geben Sie dem statt, leisten Sie damit einen pädagogischen Offenbarungseid, denn als Pädagogen sind Sie verpflichtet, die Köpfe der Kinder mit wertvollen Inhalten und humanen Idealen zu füllen und nicht einer Verrohung der Kinder Vorschub zu leisten.
  
Auf einen großen Teil sensibler Kinder, die Tiere lieben und sich mit ihnen identifizieren – Kinder im Grundschulalter unterscheiden bekanntlich keineswegs kategorial in derselben Weise zwischen Tieren und Menschen wie Erwachsene – muss dies – egal wie geschickt verpackt – einen verheerenden Eindruck machen und zu einer seelischen Belastung führen. Leider sind es oft diese sensiblen Kinder, die ihrem seelischen Schmerz, den sie durch diese Maßnahme erfahren, keinen Ausdruck geben, sondern still leiden.

Wie möchten Sie den Kindern ohne sie zu schockieren erklären, dass einem Tier, dessen empfindliche Schleimhäute schon durch Widerhaken brutal zerrissen werden, nicht weniger leiden als andere hochentwickelte empfindungsfähige Tiere? Wie die Tatsache, dass ohne ein Schmerzempfinden keine gut entwickelte Tierart überleben kann, es mithin also auch bei Fischen ein starkes Schmerzempfinden gibt, wie dies schon eine Universität in Schottland anhand der vorhandenen Schmerzrezeptoren nachgewiesen hat. Ganz abgesehen vom restlichen brutalen Procedere des Angelns. Spätestens wenn der Fisch am Haken sich gegen das Eingeholtwerden zur Wehr setzt, wissen die Kids, was sie dem Tier antun. Glauben Sie tatsächlich, dass sich eines der Kids vor dem/n anderen die Blöße seiner Empfindungen dabei gibt. Hier wirken Gruppendynamiken zusätzlich zerstörerisch auf empathische Kinder.
   
Wir wissen, dass der Aufbau einer intakten Wertestruktur, des Respekts vor Menschen, vor "Anderen", vor Tieren, die Ehrfurcht vor dem Leben früh erfolgen muss und dass falsche Modelle, vor allem solche erfolgreichen gewaltförmigen Handelns, vermieden werden müssen.

Die Duldung der Propaganda von Anglern in der Schule, das Treppchenheben derselben durch wenig verantwortungsbewusste Lehrer und schließlich manche wenig sensiblen und schon aus dem Elternhaus halbverroht kommende Kids, die sich dafür begeistern lassen – das alles wird zu einem hoch unverantwortlichen Unternehmen von Seiten der Lehrer. Es schlägt allen Bemühungen der Gewaltprävention geradezu ins Gesicht.

Der Zusammenhang von Gewalt gegen Tiere und Gewalt gegen Menschen ist wissenschaftlich erwiesen und in vielen Studien – insbesondere in vielen umfangreichen und gut abgesicherten aus den USA - erhärtet. Auch der bekannte deutsche Kriminologe und Profiler Stephan Harbort (2003) weist auf die häufig festzustellende zentrale kriminogene Funktion des Erlebens der Tötung von Tieren in der – oft früh einsetzenden – dynamischen Gewaltentwicklung bei Serientätern hin.

Auch in mehreren Fällen von jugendlichen Amokläufern wurde dieser Zusammenhang deutlich, so gingen die Täter von Emsdetten und Bad Reichenhall zur Jagd, dem großen Ableger des Hobbys Angeln, der jetzige Innenminister Schäuble wurde mit Jagdwaffen aus der Familie des Täters niedergeschossen – die Beispiele ließen sich um viele andere vermehren.

Ich bitte Sie, das in Ihrer Macht Liegende zu tun, um diese Instrumentalisierung von Kindern mit der Gefahr der Übernahme aggressiven und gewaltförmigen Verhaltens zu verhindern. Tragen Sie dazu bei, bei Kindern positive, respektvolle Umgangsweisen mit Menschen, Tieren und Natur zu fördern.

Geben Sie diesem "lebensnahen Unterricht" des Propagandisten Dirk Schmidt, der Sie und die Kinder wie die Fische für seine Zwecke zu ködern sucht, keinen Raum. Astrid Lindgren würde sich im Grab umdrehen. Es wäre posthum eine schlechte Ehrung dieser auch um den Tierschutz verdienten Kinderbuchautorin.

Begreifen Sie bitte Ihre Verantwortung für die Kinder und für die Restnatur!

Mit freundlichem Gruß