Berlin-Vegan: Leserbrief an BamS wg. Milchpreisen

Leserbrief an BamS wg. Milchpreisen

Sehr geehrter Herr Hahne,

Ihre Kolumne "Über teure Milch,..." hätte sehr meine Zustimmung gefunden und mich erfreut, wenn ich Tiere als Lieferanten für Fleisch, Milch oder Eier ansehen würde.

In grauer Urzeit waren sie es aus der Not heraus und sind es heute noch in völlig unwirtlichen Gegenden mit karger Vegetation. Doch Menschen von heute können sich in ihren Konsumgewohnheiten nicht auf diese Umstände berufen. Wir leben nicht mehr in der Steinzeit. Allenfalls mental.

Wir haben uns an das Töten der Tiere weit mehr gewöhnt als an die billigen Preise, obwohl wir (noch!) reichhaltig Vegetabilien zu einer gesunden und schmackhaften Nahrung haben. Immer mehr Ärzte und Ernährungskundige empfehlen die vegetarische/vegane Ernährung, dennoch behält die Mehrzahl der Menschen eine Tradition bei, die den Tieren immenses Leiden und uns keinen Vorteil bringt – außer den gewohnten Gaumenkitzel eines mehr als fragwürdigen Vergnügens.

Wenn das "es schmeckt mir" ein ausreichendes Motiv  für die Verbrechen an weltweit Abermilliarden Tieren jährlich ist, dann befindet sich die Menschheit auf einem Egotrip, der allein schon aus dem Grund der Mensch-Tier-Schicksalsgemeinschaft nur in der Selbstvernichtung enden kann.

Freilebende Tiere haben eine wichtige ökologische Funktion, die kein Mensch ersetzen kann. Nimmt man den Tieren den Lebensraum, beschädigt man den Lebensbaum, auf dem auch der Mensch sitzt. Gezüchtete und massenhaft gehaltene Tiere sind zur Karikatur ihres Selbst degradiert worden. Tiere sind auch nicht zum Zweck des Menschen da, sondern sind ihr eigener Zweck. Sowenig wie schwarze Menschen für weiße geschaffen wurden, und die Frau für den Mann, so wenig wurden Tiere für den (weißen) Menschen geschaffen.

Tiere sind keine Ressourcen, sondern empfindende Wesen. Sie als Lebensmittel anzusehen ist zynisch oder gedankenlos. Die Frage ist nicht, ob und wie gut sie denken, sondern ob sie fühlen können. Und das können sie ganz gewiss, ziemlich sicher sogar weit intensiver als der Mensch, da sie über bedeutend geschärftere Sinneswahrnehmungen verfügen.  
 
Es wird die Tragödie der Menschheit werden, dass sie die Bedeutung ihres ausbeuterischen Verhaltens zu spät erkennt. Dann, wenn die Urwälder für Futtermittel oder Energiepflanzen abgeholzt sind und das Klima infolge der klimakillenden Gase endgültig kippt, erst dann werden die Menschen verstehen – wie üblich, wenn es zu spät ist. Aus Katastrophen haben Menschen noch nie gelernt. Diese sich anbahnende Katastrophe führt die Menschheit endgültig ins Aus.

Dies wird die letzte Katastrophe werden, die der Mensch in seiner Arroganz und binden Technikgläubigkeit verursacht. Danach wird er unfreiwillig den Planeten verlassen müssen. Stephen Hawking spricht von hundert Jahren. Keine schöne Vorstellung für Menschen mit Nachkommen. Was bleibt, ist eine zugrundegerichtete Erde mit wenigen Arten von Tieren, die sich von der Menschheit erholen muss. Das ist kein erdachtes Schreckensszenario, sondern kann schon bald Wirklichkeit werden. Der Klimabericht der FAO hat die Tatsachen hinsichtlich der sog. Nutztierhaltung und deren Stellenwert als Klimakiller genannt.

Es gehört nicht viel Intelligenz dazu, die Fakten zur Kenntnis nehmen und begreifen zu können. Neben dem "es schmeckt mir" gilt auch der Spruch " nach mir die Sintflut!" Diese "Sintflut" steht nicht erst bevor! Sie hat schon begonnen! Es geht jetzt nicht mehr um das Ob, sondern nur noch um das Wie!  

Es ist grotesk, wenn die Menschen sich über steigende Preise für ihre "Lebensmittel" aufregen und dabei nicht erkennen, dass gerade diese vom Tier stammenden "Mittel" ihren Untergang bewirken. Es war Albert Einstein, der erkannte, dass der Übergang zum Vegetarismus zur Überlebensfrage der Menschheit wird. Albert Einstein lebt nicht mehr. Er konnte nicht wissen, wie schnell er recht bekommen sollte. Ob er allerdings den richtigen vom verfälschten Vegetarismus unterschied, entzieht sich meinen Kenntnissen. Der richtige lässt den Menschen jedenfalls ohne Zutaten vom Tier leben.

Mit freundlichen Grüßen

 

Artikel:
Über teure Milch, deutsche Wut und unsere falsche Sparsamkeit

Um es gleich vorwegzusagen: Auch diesmal trifft es wieder die Falschen,
und das macht das Thema so schwierig. Wenn die Preise für Milchprodukte und Fleisch jetzt in die Höhe schnellen, sind besonders Familien mit Kindern oder Hartz-IV-Empfänger die Opfer.

Dennoch finde ich es richtig, dass wir für Nahrungsmittel endlich gerechte Preise zahlen müssen.
Und widerspreche ganz bewusst der EU-Kommissarin, die BILD am SONNTAG
auf den Seiten 2/3 zitiert! Denn es ist gerecht und kein Wucher, wenn der
Geiz-ist-geil-Mentalität endlich reelles Preisbewusstsein entgegengesetzt wird.
Allzu lange lebten wir in der Illusion, Käse und Kotelett kämen aus dem Automaten und wären nicht das Ende einer langen und arbeitsintensiven Produktionskette.
Über all den Mega-Schnäppchen und Super-Sonderangeboten haben wir den
wahren Warenwert dessen übersehen, was wir zu Recht Lebensmittel nennen.
Es sind Mittel zum Leben und keine Massen- oder Wegwerfwaren.
Bezeichnend, dass wir für diese Lebens-Mittel immer weniger unserer Lebens-Arbeitszeit opfern wollen. Der Anteil des Einkommens, der in Deutschland für die Ernährung ausgegeben wird, liegt nur noch bei rund zehn Prozent, während es 1980 noch 16,7 Prozent und 1950 rund die Hälfte waren.
Italiener und Griechen wenden immerhin 15 Prozent ihrer Gesamtausgaben
für Lebensmittel auf. Es stimmt etwas nicht, wenn uns Dinge, die unser Leben angenehm oder unterhaltsam machen, wertvoller sind als die Mittel zum Leben. Gute Ware muss ihren Preis wert sein, doch wir haben preiswert mit billig verwechselt.
Oder hat es uns an der Fleisch- oder Käsetheke wirklich interessiert oder gar beunruhigt, dass manch Angebot im ruinösen Preiskrieg der Discounter sogar unterhalb den Herstellungskosten lag?
Dumpingpreise haben Massentierhaltung mit Turbo-Mast und Tier-Doping,
Lebensmittelskandale und Landwirtschaftspleiten geradezu programmiert. Qualität hat ihren Preis, und den sollten wir zu zahlen bereit sein. Natürlich ist es fragwürdig, wenn jetzt plötzlich ganze Branchen brutal auf- und zuschlagen.
Aber wir brauchen dringend den Mentalitätswechsel, der längst fällig war. Und keine Schnäppchenjäger, sondern Kunden, die tatsächlich kundig sind und über die Erzeugung hochwertiger Lebensmittel Bescheid  wissen.
Es wird Zeit, dass wir egoistischen Geiz nicht länger mit überlegter Sparsamkeit verwechseln.
Es ist doch absurd, wenn bei uns ein Liter Milch deutlich weniger kostet als ein Liter Benzin. Was nichts kostet, ist nichts wert. Geiz ist nicht geil, Geiz hat seine Grenzen.
Und die sind jetzt erreicht.
 
Sie können Peter Hahne zu dieser Kolumne auch eine E-Mail schreiben:
peter.hahne@bams.de
oder ein Fax schicken:
040/34 72 03 03
http://www.bild.t-online.de/BTO/news/2007/08/05/bams-hahne/bams-hahne.html#