Als Veganer im Krankenhaus
Menschen, die so wie ich in Pflegeberufen arbeiten, sollte das nicht neu sein: ein Bewohner kommt aus dem Krankenhaus in die Einrichtung zurück und beschwert sich erst einmal lange und ausgiebig, wenn es ihr/ihm noch möglich sein sollte, über das Essen.
„Guten Tag, Herr B., wie geht es Ihnen? Schön, daß Sie wieder im Hause sind, wie waren die Schwestern im Krankenhaus?“
„Eigentlich ganz in Ordnung, sind eben stark eingebunden und haben wenig Zeit gehabt, was die alles da machen mußten, aber ganz ehrlich, am schlimmsten war das Essen!“
Schön und gut, aber allzu oft wird ja auch dramatisiert. Leider sollte ich eines besseren belehrt werden. Meine Erfahrung als Veganer in einem Berliner Krankenhaus:
Vorgeschichte:
Es war die Nacht vom 8. zum 9. April, am Tag vorher hatte ich Spätschicht gehabt und vielleicht aus Zeitmangel auch nicht immer rückenschonend gearbeitet, mal davon abgesehen, daß es der achte Dienst in Folge war. Nachts wachte ich oft mit starken Schmerzen auf und konnte kaum noch schlafen. Nachdem ich mehrmals sogar den Schlafplatz (Bett, Sofa) gewechselt hatte, mußte ich mich mit den Schmerzen abfinden, denn Schmerzmedikation ist nicht mein Fall.
Pünktlich um 9 Uhr klingelte der Wecker, damit vor dem Spätdienst in Ruhe noch etwas organisatorischer Kleinkram erledigt werden konnte. Nachdem ich knapp 10 min. aus dem Bett war, hielt ich es nicht mehr aus, mußte mich wieder aufs Bett legen. Ich spürte ein Knacken im Rücken und das war mein Aus: Kleinste Bewegungen waren mir nicht mehr möglich. Ich dachte, ich sterbe vor Schmerzen.
Der Notarzt kam, narkotisierte mich und ab ging es auf die Vakuumtrage, durch das Treppenhaus aus dem dritten Stock zum Krankenwagen und auf den schnellsten Wege ins Krankenhaus. Während meine herbeigerufene Mutter mir aufgrund meiner für die meisten Menschen ungewöhnlichen Lebensweise/Ernährung etwas zum Essen einpackte, (vegane Spacebars, etwas zu Trinken usw.,) wurde ich mit Blaulicht durch den Berliner Südosten ins nächstliegende Krankenhaus gefahren.
Als ich gegen 14 Uhr in der Rettungsstelle erwachte, nachdem an mir etliche Versuche durchgeführt wurden, von denen ich nichts mitbekommen hatte, spürte ich, wie mein Bauch grummelte. Logisch, wenn die letzte Mahlzeit am Tag zuvor um 23 Uhr stattfand.
Da ich mich immernoch nicht bewegen konnte, rief ich die Schwester, um nach Obst oder ähnlichem zu fragen und stieß damit schon an ihre Grenze. „Ham wa nicht, musste Dir mitbringen lassen, sind ja keen türkischer Obsthändler, kannst dir ja ne Tütenbrühe vom Automaten ziehen lassen“. -Nein danke!- Nachdem ich leider die Schwestern nerven mußte, bis meine Mum und Oma kurz zu mir durften, war es förmlich ein Hochgenuss in meinen Spacebar zu beißen.
Station "Diabetes und Nephrologie"
Ich wurde auf dieser Station „fremdgeparkt“, da auf der Neurochirurgie keine Betten mehr frei waren.
„Herr L., was möchten sie an Essen für die nächsten Tage bestellen?“
Ich ließ also die Katze aus dem Sack...
„Ich lebe und esse nur vegan!“
„Was ist denn das, so etwas ähnliches wie eine Laktoseintoleranz?“
„Nein, ich bevorzuge eine leidfreie Ernährung, die komplett frei von tierischen Inhaltsstoffen ist, z.B. Milch, Honig, Eier, Butter, Käse, Wurst etc. gehen bei mir gar nicht.“
„Na was essen Sie denn dann überhaupt? Dies könnte unter Umständen ein Problem werden“
„Warum, es sollte doch möglich sein, das zu berücksichtigen?“
„Das werden wir sehen“, entgegnete die Schwester.
Nun kam ich in ein Vierbett-Zimmer und konnte nach knapp fünf Stunden Rettungsaufnahme und etlichen Tests (CT, MRT und Lumbalpunktion) erst mal meine neuen Zimmernachbarn begrüßen. Dies war ein ganz gemütlicher polnischer Streifenpolizist und ein in die Jahre gekommen Fußballtrainer. Vom Tag und dem ganzen Procedere total fertig und erschöpft, schlief ich recht schnell ein, bis ich knapp vor fünf Uhr früh das Schnarchen des Zimmernachbarn nicht mehr aushielt.
Ich hatte genügend Zeit zum Nachdenken ... Was wird es wohl zum Frühstück geben; Weißbrot, Brötchen, Mischbrot und was wird mit dem Belag sein? Pünktlich um 6:30 Uhr kamen die Schwestern zum Puls und Blutdruck messen. Schnell und lieblos bekam ich noch Clexane subcutan injiziert. Nach dem Waschen kam das Frühstück immer näher.
Frühstück
„Herr L., also was können Sie denn jetzt überhaupt essen?“
„Was haben Sie denn im Angebot?“
Nachdem ich die Zutatenlisten überprüft hatte und die vegetarischen Aufstriche (mit Ausnahme von einem, da Honig verwendet wurde) vegan zu sein schienen, legte ich los. Zwei Schusterjungs mit Champignon-Aufstrich, Tomaten-Aufstrich, sowie Erdbeer- und Kirschmarmelade gab es für mich. So schön, so gut. Die Arztvisite ließ auf sich warten. Gott sei dank (zum Glück) versüßte mir mein Besuch die Zeit, die beinahe endlos erschien und doch verging. So rückte das Mittagessen immer näher.
Mittagessen
„Herr L., das Mittagessen ist da, es gibt überbackene Zucchini, gefüllt mit Sojahack!“ Das klang nicht schlecht, wenn nur die Zucchini nicht mit Käse überbacken worden wäre.
„Würden Sie das bitte wieder mitnehmen, ich möchte das nur sehr ungern essen, hätten Sie vielleicht Obst oder etwas Gurke, Tomaten oder ähnliches?“
„Muß ich schauen, ich komme gleich wieder“ ... „Leider nicht, Herr L., aber Sie können gerne noch zwei Brötchen mit Aufstrich haben.“
„Klar, besser als nichts“, dachte ich mir und nahm dankend an.
Nachmittags war Besuchszeit, 4 Betten lockten entsprechend viele Besucher. Meine Beine waren noch immer stark eingeschränkt, so daß ich bei fast allem Hilfe brauchte. Der Spazier"gang" außer Haus war herrlich, einfach mal kurz das sterile Weiß ausblenden und gepflegt unterhalten.
Abendbrot
Was soll ich sagen? Obst war ein Fremdwort und Gemüse nur mit guten Beziehungen in diesem Hause zu erhalten. Es knüpfte am Frühstück an. Frustriert orderte ich bei meinen Angehörigen etwas Anständiges zur Verpflegung, wie Schokolade, Brotaufstriche, Vurst und „Käse“. Am zweiten Tage fiel das Frühstück nicht großartig anders aus, als am Vortage. Brötchen, Aufstriche und Marmelade. Die Arztviste kam an diesem Tage aufgrund des Wochenendes nicht.
Ich kam ins Gespräch mit meinen Zimmergenossen. Nach fast zwei Tagen ist ihnen mein „exotischer“ Ernährungsstil, wie einer es nannte, aufgefallen und es herrschte reges Interesse am Austausch. Recht schnell mußte ich wieder einmal feststellen, wie vorurteilsbelastet der größte Teil der Bevölkerung durch die Medien gemacht zu sein scheint. Durch Faktenwissen könnte ich den medialen Halbwahrheiten, die täglich verbreitet werden, schnell den Wind aus dem Segeln nehmen. Vegetarisch war ihnen bekannt, vegan jedoch Neuland. Interessiert lauschten sie meinen Erklärungen und stellten immer neue Fragen.
Zum Mittag gab es an diesem Tag Eintopf mit Grünkohl, sehr schmackhaft und zu meinem Erstaunen mit einem Soja-Vanille-Pudding zum Nachtisch. Am Nachmittag trafen dann meine lebensnotwendigen Lebensmittel ein; ohne die wären es harte Tage ohne Abwechslung geworden.
In den folgenden Wochen bekamm ich vom Krankenhaus Eintopf, etwas ähnliches wie Eintopf und Reis mit „Scheiß“. Nudeln mit Sojahack-Tomatensoße waren die einsame Krönung. In der Zeit, in der ich mich im Krankenhaus aufhalten mußte, führte ich Tagebuch. Ich notierte beinahe alles; vom Essen, das ausgegeben bzw. abgelehnt wurde aufgrund von Inhaltsstoffen tierischen Ursprungs, bis hin zu dem, was meine Eltern, Freundin, sogar Chef und meine Freunde vorbeibrachten. Tausend Dank auch auf diesem Wege an meine Freundin Franzi, die in dieser harten Zeit für mich die besten bis jetzt gegessenen Pancakes machte, obwohl es ihr selbst nicht gut ging.
Nach knapp drei Wochen Aufenthalt im Krankenhaus konnte ich dank Genesung wieder nach Hause.
Als die Krankenhausrechnung mit 10 €/ Tag ankam, haben wir den Betrag, den wir für eine anständige vegane Ernährung zusätzlich auszugeben gezwungen waren, davon wieder abgezogen und nur 148,35€ gezahlt.
Die Verwaltung des Vivantes Netzwerk für Gesundheit GmbH bekam darüber eine genaue Aufschlüsselung samt Rechnungsbelegen und eine Stellungnahme zur katastrophalen Versorgungslage der Patienten, insbesondere der veganen. Dieses Vorgehen möchte ich auch anderen veganen Patienten ans Herz legen, denn es ist keinesfalls hinnehmbar, den vollen Tagessatz zu zahlen, während man sich als Veganer im Krankenhaus zu 80% selbst mit Essen versorgen muß. Bisher zwar kam eine Mahnung zur Begleichung des Restbetrages, doch ob ich den wirklich bezahlen muß, wird vielleicht erst ein Gericht entscheiden ...
