Wenn die Kunst nicht anzieht, macht man Circus und benutzt Schweine!
Lebende Tiere werden zum Mittel für eine Kunst, die aus sich selbst offenbar wenig Attraktivität schöpfen kann. Die Diplomandin Gudrun Donath hat den Circus als Thema ihrer Arbeit im Bereich der Bildhauerkunst gewählt.
Zusätzlich soll noch ein lebendes Schwein dem bildhauerischen Gesamtensemble eingefügt werden und der Circus Endres mit traditionellem Programm und Tieren in den Innenhof der Kunsthochschule Berlin-Weißensee kommen.
Eine Hochschule sollte junge Künstler nicht nur auf ihrem kreativen Weg fördern, sondern auch dort korrigierend eingreifen, wo Künstler den Sinn der Kunst aus den Augen verlieren. Will Kunst nicht l'art pour l'art sein, sollte sie mit ihren Mitteln den Blick auf gesellschaftliche Missstände richten und diese verdeutlichen. Diesen Bildungsauftrag scheint die Kunsthochschule Weißensee aus den Augen verloren zu haben, indem sie es zulässt, dass das Problemfeld Circus nicht beleuchtet, sondern durch die Hinzuziehung eines tierhaltenden Circusses vernebelt wird. Die künstliche Wirklichkeit der Circusveranstaltung hat ebenso wenig mit der traurigen Realität dieser Tiere zu tun, wie das lebende „Schauobjekt“ Schwein seine Realität in den heiligen Hallen der Kunst repräsentiert.
Nein zum Circus auf Kosten der Tiere!
Tiere sind weder Spielzeuge noch Objekte zur Unterhaltung und Belustigung von Menschen. Die Dressur - so die Circusbefürworter - baue zunehmend auf Respekt, Vertrauen, Liebe und Autorität. Bei einigen führt der Weg fort von Futterentzug, Prügel und Zwangsmaßnahmen hin zur „sanften“ Dressur, die „Erfolg“ mit Lob belohnt. Dies kann jedoch niemals darüber hinwegtäuschen, dass die Tiere ihrer Freiheit, Selbstbestimmtheit und ihrer Würde beraubt werden. Für das Vergnügen und die Unterhaltung des Menschen verbringen sie ein Leben in Gefangenschaft, und auch das einzelne Schwein wird sicher nicht totgestreichelt werden. Ihre Dressur soll die Überlegenheit des Menschen über die Tiere herausstellen. Deshalb werden Tiere oft in „komische“ Nummern integriert, denn das Lachen über ein Tier verhindert die Wahrnehmung seiner arteigenen Bedürfnisse. Circus mit Tieren bedeutet für die Tiere in aller Regel vor allem eines: Schmerzhafte Dressuren und artwidrige „Kunststückchen“ und Haltung*, sowie Stress durch das Herumreisen und die Lärmkulissen. Oft gestaltet sich ihr Lebensabend genauso wenig friedlich oder komfortabel wie ihr übriges Leben: Eingepfercht, unter Zwang, in Elend. *Kamelartige Tiere z.b. vertragen keine Feuchtigkeit und brauchen außerdem unbedingt Salzlecksteine und Kauzweige, um gesund zu bleiben. Schon sehr kleinen Kindern wird durch den „Zauber der Manege“ ein falsches Bild vom Wesen der Tiere vermittelt. Kaum jemand realisiert ohne Anstoß von aussen, was Circustier sein zu müssen für Tiere bedeutet. Der Besucher sieht nur für ein paar Minuten eine äußere Hülle, wie sich die Tiere tatsächlich fühlen und wie sie den Rest ihres Lebens verbringen, scheint keinen zu kümmern. Der Circus führt auf spielerische Weise vor, dass uns das „Recht“ zustehe, über alle Lebewesen dieser Erde nach Belieben zu verfügen. Wenn wir uns von Kindheit daran gewöhnen, es für „normal“ zu halten, dass Tiere nach unserer Pfeife zu tanzen haben, erlernen wir nicht den Respekt vor der Würde und dem Eigenleben anderer Wesen.
Circus mit Tieren ist nicht akzeptabel! Er verhindert die Wahrnehmung von Tieren als freie selbstbestimmte Wesen. Er widerspricht dem Staatsziel Tierschutz! Unterstützen Sie weder Circusse mit Tieren noch tierbenutzende „Künstler“ durch ihren Besuch. Nur so können Sie Tierleid nachhaltig verhindern.
Impressionen nach Begutachtung des Werkes mit einem Schwein
Wir meinen, dass KünstlerInnen Tierleid nicht zu befördern haben, sondern mittels ihrer Kunst und im Rahmen des gesellschaftlichen Auftrages von Kunst-Hochschulen vor allem Transparenz in gesellschaftspolitische Irrungen und Wirrungen bringen sollten. Hingegen beschädigen Künstler ihren Auftrag, wenn sie Tiere gegen das Staatsziel Tierschutz für ihre Kunst instrumentalisieren.
Denn nicht alles ist Kunst, was sich ein solches Mäntelchen umhängt. Das zeigte der Fall des Berliner „Künstlers“, der auf der Bühne Kaninchen schlachten ließ. Erschreckend auch die Einstellung der Kunsthochschule Weißensee zu dem im Rahmen einer weiteren Diplomarbeit ausgestellten lebenden Mastschwein in einem Holzgitter, das als Endschau in eine Komposition eingebunden ist. Weder die sich für zuständig erklärende und gestresst wirkende Professorin, noch der die von uns beanstandete „Montage“ begleitende Student (Diplomand?) außerhalb der Umgatterung konnten oder wollten die Frage nach dem Sinn dieser Diplomarbeit beantworten. Es sollte nach deren Meinung allein im Auge des Betrachters liegen, was diese Gesamtmontage (vom Surfbrett bis zum Schweinegatter) darstellt.
Vergessen wird von uns nicht, dass sich der Blickwinkel der Betrachtung immer am status quo der eigenen Erkenntnis orientiert. Einer tierbenutzenden Gesellschaft ihr Unrecht im Umgang mit Tieren aufzuzeigen ist ebenso schwierig, wie anderen Ausbeutern die Rechte von Ausgebeuteten mit dem Ziel der Abschaffung von Unterdrückung zu erklären. Genau an diesem Schnittpunkt zwischen altem und neuem, tradiertem und avantgardistischem Denken im praktizierten Umgang mit fühlenden Lebewesen sollte sich eine Kunst betätigen, die nicht bloß als inzestuöses Bewegungsinstrumentarium innerhalb gefestigter Strukturen verstanden sein will. Eine vorausschauende und vorausdenkende Kunst hält der Gesellschaft den Spiegel vor, um die Gesellschaft zur Selbsterkenntnis zu führen. Hingegen zeigt eine Kunst, die – lebende - Tiere benutzt, dass sie im anthropozentrischen Selbstgefälligkeitsgebäude gefangen ist. Sie bestätigt immer wieder auf das Neue das abendländisch religiös geschürte gesellschaftliche Vorurteil, Tiere seien zum Nutzen des Menschen da. Die Benutzung des Tiers wird – gegen alle Sonntagsreden vom Eigenwert des Tieres als „Mitgeschöpf“ - tagtäglich praktiziert, denn (fast) alle profitieren vom Tier, und sei es „nur“ mit Schuhen oder eben als lebendes Inventar im Rahmen einer Diplomandenausstellung.
Auf die zugegebenermaßen etwas heimtückische Frage, ob es auch in Ordnung wäre, statt des Schweins einen Sklaven, vorausgesetzt es gäbe diese noch, zu dem spärlich bekleideten Träger des Spitzhutes in das Gehege zu setzen, folgte Entrüstung. Nicht verstanden wurde damit, dass das Wesen der Unterdrückung immer dasselbe ist, gleichgültig, ob es sich bei deren Opfern um Mensch oder Tier handelt. Man hat zwar begriffen, dass die menschliche Sklaverei nicht zu rechtfertigen ist, ist aber noch weit davon entfernt, dieses Wissen zu universalisieren und auf andere leidensfähige Wesen, die ebenfalls arteigene Interessen haben, anzuwenden. Gehindert wird die Umsetzung durch die naturwissenschaftlich nicht haltbare Idee einer exklusiven generellen Andersartigkeit und daraus folgenden eigenen Höherwertigkeit. Nicht zuletzt dienen hochspekulative Erwägungen über sterbliche und unsterbliche Seelen diesen Beherrschungs- wie Ausbeutungszwecken. Der „Herrenmensch“ praktiziert somit wiederum lediglich das „Recht des Stärkeren“.
Damit schließt sich der Kreis unserer Annahme, welchen Wert ein Schwein in dieser kunstsinnigen Gesellschaft tatsächlich einnimmt. Ebenso darf geschlossen werden, dass diese Künstler den festgeschriebenen Wert des tierlichen Lebens nicht hinterfragen, sondern als gegeben annehmen: Das Schwein soll laut Aussage der Professorin, die angeblich Massentierhaltung ablehnt, mit dem herbeigeholten Circus vor der Nase aber keine Probleme hat, nach der Ausstellung wieder auf den Bauernhof zurückgebracht werden, woher es stammt. Wörtlich:“ Dort geht es ihm nicht so gut wie hier, aber Sie können es für 300 € kaufen!“ So einfach kann man es sich natürlich auch machen. Bis zum Zeitpunkt dieses Gesprächs sind die Kunstschaffenden jedenfalls nicht auf die naheliegende Idee gekommen, das Schwein für seine unfreiwillig geleisteten Dienste wenigstens von seinem Schicksal zu entbinden und es auf ihre Kosten zu einem Gnadenhof zu bringen. Soweit denken tierbenutzende Künstler nicht. Es ist einfacher, es wieder dorthin zurück zu karren, von wo man es „entliehen“ hat. Der „Mohr“, in diesem Fall das Schwein, hat seine Schuldigkeit getan, nun darf es Kotelett werden! Wie bedauerlich!
Wir haben aus diesem Teil der Ausstellung nur die Erkenntnis mitgenommen, dass „Schwein gehabt“ allein für Zweibeiner gelten soll. Diese Werteskala von Leben, an deren unteren Ende sich heute die sogenannten Nutztiere befinden, hat Albert Schweitzer, der große Theologe, Musiker und Mediziner, zu Recht verurteilt.
TierrechtlerInnen können von diesen Diplomanden und deren Lehrkräften nichts lernen. Pablo Picasso sagte sinngemäß: Die Kunst ist nicht die Wahrheit, sie ist eine Lüge, die zur Wahrheit verhelfen soll. Die gezeigte Kunst um das Schwein und den Zirkus spiegelt allein die Liebe des Menschen zu sich selbst wider – eine Liebe, die immer schneller für menschliche Erdenbewohner zur Katastrophe wird. Für die benutzten Tiere ist sie das schon längst.



