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Hof Windkind und seine Walnüsse

Bio-vegane Landwirtschaft ist im Kommen. Immer mehr Bäuer_innen wollen vegane Ernährung konsequent zu Ende führen und ihr Obst und Gemüse ohne tierischen Dünger wie Hornmehl oder Gülle anbauen. Ein solcher Hof ist Hof Windkind. Hier werden auf mehreren Feldern in der Nähe von Oranienburg Walnüsse bio-vegan angebaut.

Wenn man die jungen Walnussbäume sieht, kann man nur erahnen, wie prächtig diese Bäume einmal sein werden. Erst seit 2015 wachsen sie dort, wo David und Silvia vom Hof Windkind sie gepflanzt haben – im Löwenberger Land zwischen Neuendorf und Teschendorf, gut 15 km nördlich von Oranienburg. Hier sieht Brandenburg so aus, wie es sich viele Berliner_innen erträumen: viel Wald, dazwischen Felder, kleine Dörfer mit einigen Jahrzehnte alten Häusern und natürlich Badeseen. In einer kleinen Senke, fernab von Straßenlärm und direkt am riesigen Waldgebiet Rüthnicker Heide, liegt das größte Walnussfeld vom Hof Windkind.

500 Walnussbäume haben David und Silvia schon gepflanzt, ein volles Tausend sollen es werden. Walnussbäume sieht man sonst kaum in Brandenburg, wie auch anderswo in Deutschland. „Fast alle Nüsse werden importiert, vor allem aus den USA oder auch Moldawien“, sagt David. Dabei wachsen die Bäume hervorragend im Brandenburger Klima und tragen qualitativ hochwertige Nüsse. Walnussbäume wuchsen hier viele Jahrhunderte, bis es durch Kriege lukrativ wurde, die Bäume zu fällen und das Holz für den Waffenbau zu verwenden, erzählt David. Nahrungsmittel aus der Region – der Hof Windkind will mit Walnüssen seinen Beitrag dazu leisten und ist dabei einer von wenigen Pionier_innen, die den Walnussanbau nach Deutschland zurückholen wollen.

Fünf Sorten Walnüsse werden hier angebaut. Um sich für negative Wettereinflüsse zu wappnen, haben David und Silvia sich entschlossen, mehrere Sorten anzubauen. Diese fünf Sorten, die alle leicht zu knacken sind und intensiv nussig, leicht süßlich und im Vergleich zu anderen Walnüssen kaum bitter schmecken, haben sie in langer Arbeit ausgesucht. Mehrere dutzend Sorten haben sie recherchiert, die Nüsse probiert, um sich für die zu entscheiden, die am besten an die örtlichen Witterungsverhältnisse angepasst sind und gleichzeitig den besten Geschmack haben. Dabei war es gar nicht einfach, an die Informationen zu kommen. Da in Deutschland das Thema Walnussanbau exotisch geworden ist, gab es kaum Informationen auf Deutsch und sie mussten größtenteils auf Englisch recherchieren. Aktuell recherchieren sie zum Haselnussanbau, denn auch Haselnüsse sollen hier wachsen.

Nüsse gelten als wasserintensiv und hoher Nusskonsum wird unter Aspekten des Ressourcenverbrauchs mitunter kritisch diskutiert. Beim Hof Windkind werden die Bäume nicht bewässert. Sie müssen damit auskommen, was sie aus ihrer Umgebung ziehen können. Unterstützt werden sie dabei durch Mulchscheiben. So eine Scheibe ist nichts anderes als eine dicke Schicht Heu – Gras von der Wiese, auf der die Bäume stehen. Sie hält die Erde um den Baum herum feucht. Selbst nach vielen Tagen Trockenheit kann man hier ins feuchte, kühle Erdreich greifen. Diese Mulchscheibe ist gleichzeitig als Teil der sogenannten Flächenkompostierung Dünger für die Bäume. Und sie bietet Lebensraum für viele Tierarten wie Eidechsen.

Dass hier so naturnah wie möglich gewirtschaftet wird, ist für David als langjährigen Umweltaktivisten selbstverständlich. Synthetische Düngemittel oder Pestizide sind natürlich tabu. Aber anders als es sonst in der Landwirtschaft üblich ist, verwendet er auch keine Dünger tierischer Herkunft, wie Knochenmehl, Mist oder Gülle, aus Überzeugung. Hier werden Nahrungsmittel also vegan angebaut, ganz ohne absichtlich verursachtes Tierleid. Der Hof Windkind ist damit Teil einer wachsenden Bewegung, die Tierrechte konsequenter umsetzen möchte durch Lebensmittel, die nicht nur an sich vegan, also frei von tierischen Inhaltsstoffen sind, sondern die auch vegan angebaut und produziert wurden. In Brandenburg ist er vielleicht der erste bio-vegane landwirtschaftliche Betrieb und es ist David und Silvia ein Anliegen, die Idee, ökologisch und ohne Dünger aus Tierhaltung Lebensmittel anzubauen, zu verbreiten.

Unterstützung bekommen sie dabei anhand einer Baumpatenschaft. Eine solche Patenschaft kostet 92 Euro im ersten Jahr, in den Folgejahren 64 Euro. Als Gegenleistung bekommen die Pat_innen pro Jahr 8 kg Walnüsse vom eigenen Baum. Mit diesem Modell, das sich an die Solidarische Landwirtschaft anlehnt, soll eine Grundfinanzierung gesichert werden. Und umgekehrt eine Grundversorgung mit Walnüssen für die Pat_innen. Denn auch wenn der Hof Windkind bei einem befreundeten Projekt in der Uckermark im Rahmen einer langfristigen wechselseitigen Kooperation zukauft, gehen die Nüsse im Frühling zur Neige. Viele Nussliebhaber_innen decken sich also mit einem kleinen Vorrat über so eine Patenschaft ein, um nicht warten zu müssen, bis die neue Ernte getrocknet ist. Dass die Baumpatenschaft offensichtlich gut ankommt, zeigen die bunten Schilder mit den Namen der Bäume, die ihre Pat_innen ihnen gegeben haben. David erzählt, dass dies häufig Familien sind, die einen Familienbaum wollen, oder einzelne Menschen, die eine Patenschaft als Geschenk von Freund_innen bekommen haben.

Der direkte Kontakt zu den Nuss-Essenden ist David wichtig und so möchte er die Walnüsse nicht anonym an Geschäfte liefern. Sie werden stattdessen zu angekündigten Terminen per direktem Postversand auf Bestellung hin verschickt. Der einzige Ort, wo man sie direkt kaufen kann, ist das kleine solidarökonomische Projekt Schnittstelle in Berlin-Kreuzberg. Einen Teil der Einnahmen leiten David und Silvia übrigens an soziale Projekte weiter. Zuletzt war das ein Projekt der Naturfreunde Deutschland, das in Senegal Obstbäume anpflanzt und Schulungen zum Thema anbietet. Für ihr Engagement und „ihren ökologischen Walnussanbau der zudem sozialen Projekten zu Gute kommt“ wurden sie beim Umweltfestival 2018 ausgezeichnet.

Dass die Walnussfelder nicht zu einem gewöhnlichen Bauernhof gehören, wird nicht nur durch die Namensschilder an den Bäumen schnell klar. Es gibt keine Zäune. Das freut nicht nur die Wildschweine, die den Boden nach Essbarem durchwühlen. Auch Menschen sind eingeladen, die Atmosphäre neben, zwischen und unter den Bäumen zu genießen. David und Silvia wünschen sich, dass dieser idyllische Ort von vielen Menschen zur Erholung genutzt wird. Besonders einladend ist der hintere Teil des Feldes. Über zwei kleine Holzbrückchen gelangt man zu einer mächtigen Eiche, unter der Sitzbänke zum Entspannen und Picknicken einladen. Und zum Lesen. Wer seine Lektüre vergessen hat, kann sich am Büchereck in regenfesten Schränkchen bedienen, oder auch was für andere Besucher_innen da lassen. Auch dieses Fleckchen ist für David und Silvia ein wichtiger Teil ihres Hofs.

Als Walnusshof, der zudem bio-vegan wirtschaftet, ist der Hof Windkind in doppelter Hinsicht ein Pionier. Doch nicht nur dadurch. Durch die Naturnähe des Anbaus, die Baumpatenschaft, die Kooperation mit anderen Höfen, die Unterstützung sozialer Projekte, die offen zugänglichen und für alle genießbaren Naturflächen und nicht zuletzt durch die Leidenschaft und Offenheit von David und Silvia, ist dieser Hof ein Modell für eine zukunftsfähige Landwirtschaft. Es bleibt zu hoffen, dass sich sehr viele andere Höfe daran orientieren.