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Interview mit Andreas Grabolle, Autor des Buches „Kein Fleisch macht glücklich“

Andreas Grabolle ist nicht nur Veganer, sondern auch Biologe, Klimaexperte und Wissenschaftsjournalist. Vor einem Jahr hat er mit „Kein Fleisch macht glücklich“ ein Sachbuch veröffentlicht, das mit viel Fachwissen, aber ohne schwer daherzukommen, den Themen Fleischkonsum und Tierausbeutung auf den Grund geht. Berlin-Vegan hat ihn anlässlich des „Geburtstages“ interviewt.
Andreas Grabolle

Andreas Grabolle

Herzlichen Glückwunsch, dein Buch ist gerade ein Jahr alt geworden! Was ist seit der Veröffentlichung passiert?

Kurz vor Weihnachten kam die zweite Auflage des Buches heraus, das war eine wichtige Zäsur, die mich sehr gefreut hatte. Jetzt kommt voraussichtlich bald die dritte. Im Februar diesen Jahres habe ich dann den Sachbuchpreis des Vegetarierbunds erhalten – das war natürlich auch eine große Bestätigung: Das Buch hat offensichtlich Anhänger und überzeugt auch von der Substanz her. Es kamen in der ganzen Zeit viele sehr unterschiedliche weitgehend sehr positive Rückmeldungen, seien es Amazon-Rezensionen oder auch direkte Mails oder Feedback von Freunden und Bekannten.

Bist du durch das Buch zum Vegan-Experten geworden?

Im Freundeskreis schon, da auf jeden Fall. Zumindest in meinem alten Freundeskreis gibt es kaum andere Veganer_innen. Ich habe inzwischen natürlich auch viele vegan lebende Menschen kennengelernt, die sich auch gut auskennen – durch meine Recherchen gibt es aber trotzdem noch Bereiche, zu denen ich dann von ihnen befragt werde. Oder manchmal auch ungefragt meinen Senf dazu gebe. In den Medien fängt es jetzt aber tatsächlich langsam an. Das war immer auch meine Hoffnung, dass ich da auch als Experte wahrgenommen werde. Aber das ging erst in den letzten Wochen los. Seit letztem Herbst hatte ich zwar viele Lesungen und Vorträge zu dem Thema gehabt, aber das ist nicht über die Medien gekommen.

Vor kurzem hast du in der Sat1-Sendung „Echt Gold – Mein Magazin“ als Vegan-Experte einer deutschen Durchschnittsfamilie beibringen müssen, was sie alles nicht essen dürfen, wenn sie vegan leben wollen. Welche Erfahrungen hast du dabei gemacht? Hast du vielleicht einen Tipp, wie man nicht-vegan lebende Menschen am besten erreicht, ohne als Spielverderber dazustehen?

In dem Beispiel sollte ich ja gerade den Spielverderber darstellen. Das Problem an dem ganzen Beitrag war, dass die Familie keine ernsthafte Motivation an einer veganen Lebensweise hat oder hatte. Da hätte ich auch sagen können, wir leben jetzt eine ganze Woche nur mit roten Kleidern oder nach islamischen Speisegesetzen – das wäre wahrscheinlich egal gewesen. Die wollten eine Herausforderung und mehr nicht. Da ist es natürlich in gewisser Weise müßig, irgendwelche Überzeugungsstrategien zu probieren. Ansonsten bin ich zurückhaltend, was offensives Veganmarketing angeht – zumindest in der direkten Ansprache, von wegen, wie kannst du bloß Fleisch essen?, aber ich halte es auch nicht hinterm Berg. Oft kommt das Thema von allein zur Sprache und die Menschen sind sehr daran interessiert. Dann gebe ich gerne und offen Auskunft und mache auf die Art Werbung für die vegane Ernährung. Ich hab den Eindruck, das funktioniert recht gut, auf jeden Fall besser, als wenn man sehr offensiv vorgeht.

Als du anfingst, das Buch zu schreiben, hast du ja noch richtig gerne Fleisch gegessen. Wie hat dich die Recherche für das Buch verändert?

Es gab ein paar Aha-Momente, bei denen ich gemerkt habe, dass es für mich nicht mehr in Ordnung ist, Fleisch zu essen. Das war zum einen der Bericht über die Fehlbetäubungen in Schlachthäusern, der 2010 durch die Medien gegangen ist. Mit dem Tierarzt, der damals medial präsent war, habe ich ein Interview geführt. Eine Fehlbetäubungsrate von einem Prozent bedeutet bei der riesigen Anzahl von Schlachtungen immer noch eine halbe Million Schweine, die davon betroffen sind. Außerdem haben die Schweine Erstickungsgefühle im CO2-Bad, mit dem sie narkotisiert werden vor der Schlachtung. Danach war klar, dass Fleischkonsum für mich absolut inakzeptabel ist. Generell hatte ich natürlich auch eine Affinität zu Tierrechten, weshalb ich das Töten von Tieren prinzipiell fragwürdig fand. Fische hab ich aber auch lange gegessen, obwohl ich mich als Vegetarier bezeichnet habe. Dann kam ich bei den Recherchen aber zu der Erkenntnis, dass Fische sehr wohl Schmerz empfinden und ein Bewusstsein besitzen. Beim Verzicht auf Eier war das Schreddern der Küken der ausschlaggebende Fakt. Ich habe damals gelernt, dass eine vegetarische Ernährung in Tierschutz- oder Tierrechtsfragen keine sinnvolle Lösung darstellt.

Aber das sind doch Dinge, die du vorher sicherlich auch schon wusstest, oder?

Nein, nein. Ich fand es extrem erschreckend, dass ich als Biologe nicht wusste, dass Kühe geschwängert werden müssen, um Milch zu geben! Und ich hab mir deshalb auch nie Gedanken darüber gemacht, was mit den Kälbern passiert, insbesondere mit den männlichen. Auch dass Legehennen selbst in Bio-Betrieben nach spätestens 1,5 Jahren in die Schlachtung kommen – das war mir alles nicht klar.

Das muss man sich wohl häufiger vor Augen führen, dass viele einen ganz anderen Wissensstand haben, als man selbst als vegan lebender Mensch.

Genau. Inzwischen ist es ja öfters mal in den Medien aufgetaucht, aber ich habe jetzt ja auch eine ganz fokussierte Wahrnehmung auf das Thema. Ich glaube, es gibt immer noch ganz viele Leute, die von den Bedingungen in der Tierhaltung nichts wissen.

Was hast du noch für Projekte seit der Veröffentlichung deines Buchs verfolgt?

Ich habe zunächst sehr viel Zeit darin investiert, das Buch bekannt zu machen, war auf Vorträgen und Lesungen dazu. Außerdem habe ich versucht, mich als selbstständiger Autor für Nachhaltigkeitskommunikation zu etablieren.

Was ist unter Nachhaltigkeitskommunikation zu verstehen?

Ich biete vor allem als Texter zu Themen der Nachhaltigkeit Dienstleistungen an, bei denen ich mich unter Umständen in verschiedene Thematiken einarbeite – ich komme ja aus dem Klimaschutz – um an der Schnittstelle Wissenschaft und Öffentlichkeit für andere zu schreiben und zu kommunizieren.

Ist das nächste Buch schon in der Planung?

Ja, es gibt schon Projekte. Ich führe derzeit quasi als Auftragsarbeit Gespräche zu einem Buch über Nachhaltigkeit, habe aber auch eigene Buchideen.

Hat deine vegane Lebensweise Auswirkungen auf deine Familie? Ziehen deine Angehörigen mit oder bist du der einzige Veganer zu Hause?

Also ich bin der einzige Veganer. Wir haben alles unter einem Dach: Außer mir eine weitgehend vegan lebende Vegetarierin und eine weitgehend vegan lebende Omnivorin – meine Tochter, die jetzt fünf ist und zu Hause keinerlei Fleisch oder Fisch bekommt, außer auf Kindergeburtstagen oder bei Nachbarn schon, da verbiete ich ihr das nicht. Wir reden ganz offen darüber und haben einen, wie ich hoffe, unverkrampfte Art mit dem Thema umzugehen. Ich thematisiere es aber auch oft, weil ich möchte, dass meine Tochter eine bewusste, frühe Entscheidung über ihr Essverhalten treffen kann.

Jetzt wollen wir mal über Berlin sprechen. Wie hat sich dir Berlin als Neuveganer präsentiert?

Ich hatte das Glück, dass es Mitte 2010, als ich vegan geworden bin, gerade so richtig los ging mit den veganen Möglichkeiten in Berlin. Das Viasko hatte gerade eröffnet, überall kamen Imbisse und vegan deklarierte Angebote heraus. Jede Woche schien es mehr geworden zu sein. Das hat mich damals sehr motiviert, weil es mir gezeigt hat, wie einfach es in Berlin geht. Vor allem auch, dass man sich nicht ausgegrenzt fühlen muss. Zumindest in einigen Innenstadtbezirken ist das vegane Leben weitestgehend problemlos zu führen.

Unsere Abschlussfrage: Was ist dein Lieblingsgericht?

Inzwischen wieder Spaghetti Bolognese, das mochte ich schon als Kind gern. Nur ist die Bolognese jetzt aus selbstgewürztem Sojagranulat. Das isst die ganze Familie gerne.

Wir danken Andreas Grabolle für das Interview und freuen uns schon darauf, ihm im Kongresszelt auf dem Vegan-Vegetarischen Sommerfest am 31. August wiederzusehen!